Ep. 17 – Gespräch mit Simon Reinhardt

Shownotes

In dieser Episode sprechen Simon Frisch und Simon Reinhardt nicht nur, aber auch über Bewegung an der Universität. Die mitunter durchaus auch persönliche Relevanz von Themen im Seminarraum, das Verhältnis zwischen Theorie, Praxis und Kunst und Transformationsprozesse. Der Student der Medienkunst und Mediengestaltung beschreibt sich als ein Suchender und ein Fragender und beide erforschen, weshalb irritiert zu sein einen guten Studientag ausmachen kann.

Unser Host: Dr. Simon Frisch ist Vizepräsident für Lehre und Lernen an der Bauhaus-Universität Weimar und er leitet die Dozentur für Film- und Medienwissenschaft. Er interessiert sich besonders für die spezifische Praxis der Theorie und für die ostasiatischen Wegkünste sowie die Spaziergangswissenschaft als Perspektive und Methode in Lehre und Forschung.

Mitwirkende: Host: Simon Frisch Sound-Design und Schnitt: Jonas Rieger, Laura Khachab, Moritz Wehrmann Musik: Sebastian Lederle Artwork: Andreas Wolter Fotografie: Hélène Dal Farra Ton und Technik: Steven Mehlhorn, Moritz Wehrmann Marketing und Social Media: Claudia Weinreich, Marit Haferkamp Juristische Beratung: Laura Kister Transkript: Laura Khachab Produzentin: Nicole Baron Distribution: Ulfried Hermann, Jonas Rieger

Folgenwebsite: www.uni-weimar.de/lehre-podcast

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Ep. __ — Gespräch mit Simon Radu Reinhardt

Frisch: Das Mikrofon geht auf und die Personen treten auf, zumindest die Stimmen der Personen. Die Dramatis Personae stellen wir kurz vor, die hier jetzt 45 Minuten sprechen werden. Also, ich trete auf als Vizepräsident für Lehre und Lernen, Simon Frisch. Und als Dozent für Film und Medienwissenschaft. In diesen beiden Rollen interessiere ich mich für Lehre und Lernen und deswegen führe ich diese schönen Gespräche hier. Als wer wirst du denn, lieber Simon, hier heute sprechen?

Reinhardt: Nun, ich glaube, die erste Antwort, die mir jetzt dazu einfallen würde, wäre eigentlich, ich würde hier als Studierender antworten, als Studierender der Medienkunst, Mediengestaltung. Ich studiere im Master. Das wäre die kurze Antwort. Und natürlich muss ich auch gleich dazu sagen und korrigieren, dass es natürlich nicht ganz stimmt und ich bin nicht zufrieden mit der Bezeichnung Student oder Studierender. Möglicherweise würde ich eher dafür sagen, ich bin ein Suchender, ein Fragender. Und das wird wahrscheinlich auch über das Studium hinaus so bleiben, oder hoffe ich.

Und darüber hinaus nehme ich auch andere verschiedene Rollen ein, ja, die irgendwie auch zu verschmelzen mit der Perspektive, die ich einnehme oder einnehmen kann, überhaupt. Und das kann u.a. auch sein, dass ich hier aus einer Perspektive oder gefärbt bin durch bestimmte Einsichten, die ich bekommen habe, dadurch, dass ich ein bisschen beim StuKo aktiv bin, u.a. auch StuKo Vorstand bin für die Fakultät Kunst und Gestaltung und auch im Fachschaftsrat mit aktiv bin. Aber ich würde dann noch korrigieren, nochmal vielleicht. Ich glaube, dass es wichtig ist, jetzt beim sprechen darüber, dass die Argumentation klar ist, weniger als zu wissen, aus welcher Position oder Perspektive diese Aussage kommt. Aber —

Frisch: Ja? Entschuldigung.

Reinhardt: Ich wollte nur sagen, primär muss ich natürlich anmerken, rede ich eher aus der Sicht eines Studierenden.

Frisch: Okay, sehr schön. Sehr, sehr schön. Schon ist die Frage, die ich mir gerade gestellt habe, während ich dir zugehört habe. Ein Suchender, Fragender. Das Suchen und Fragen, das ganze Leben usw. ist ja immer anders. Und in der Uni ist dieses Suchen und Fragen spezifisch. Was wäre das Suchen und Fragen in einer Universität? Was macht das Suchen und Fragen? Wie kann man das nochmal spezifizieren, beschreiben, profilieren? Was würdest du dazu sagen?

Reinhardt: Ja, suchen und fragen. Ich glaube, das ist, glaube ich, in Bewegung bleiben.

Frisch: In einer Universität.

Reinhardt: In einer Universität, ja.

Frisch: Okay.

Reinhardt: Also natürlich, Universität ist ja auch beweglich und kann sich auch verändern. Also, ist ja überhaupt nicht starr. Und "in Bewegung bleiben“ würde dann sich auf viele Dinge beziehen, auch auf die Lehre natürlich, aber auch dazu, die Studierenden ermutigen, zu suchen und auch die Perspektiven zu entdecken, die es zu entdecken gibt. Klingt natürlich jetzt sehr weit und abstrakt, aber wahrscheinlich habe ich in einer Ausweitung geantwortet, als nochmal zu konkretisieren.

Frisch: Ich finde das ganz schön. Nee, nee, das sind jetzt neue Begriffe und neue Perspektiven, mit denen, also, wie bewegt man sich in einer Universität oder welche Bewegungen ermöglicht und aber auch erlaubt Universität? Sodass das eine universitäre oder eine Bewegung wird, die in einer Universität sich bewegt? Eine universitäre Bewegung. Jetzt natürlich wieder die Frage, welche Figur man jeweils meint. Es sind ja sehr viele verschiedene, unterschiedliche Bewegungen. Man könnte, also das ist ja immer, es gibt ja diese Idee des Gefüges, also, es gibt dieses Konzept von Deleuze und Guattari, glaube ich. Also daher kenne ich es, dieses Konzept des Gefüges und das Gefüge letztlich setzt die Bewegungen unter Bedingungen und gleichzeitig ist es Gefüge aber selber in Bewegung.

Das würde zu dem passen, was du gerade gesagt hast. Es bewegt sich nur langsamer sozusagen, also sodass das eine das andere unter Bedingung setzen kann. Es gibt unterschiedlich schnelle Bewegungen und dann die Trägerinnen sozusagen sind dann mehr oder weniger Gegebenheiten, sind sie aber nicht. Aber sie sind in dem Moment, in der Konstellation, das Schnellere trifft aufs Langsamere. Dann ist das eine dem anderen eine Gegebenheit. Die Universität selbst in Bewegung ist, aber trotzdem ja den Studierenden und auch den Lehrern, die kürzere Zeiten darin verbringen, als die Universität insgesamt sich bewegt, eine Gegebenheit. Welche Bewegungen machen wir in Universitäten?

Reinhardt: Ja, eine interessante Frage. Ich denke, Bewegungen sind natürlich, ja, ich denke, das hat etwas mit den Situationen zu tun, in denen man gerät, in denen man ist. Und da würde ich jetzt da erst versuchen zu antworten. Und natürlich, wär ein Ort oder eine Situation, die Seminarsituation, wo man in Bewegung geraten kann, also die würde mir jetzt zuerst einfallen. Und da ist natürlich auch gleich wieder unterschiedlich, wie gelehrt wird und auch wie Studierende auftreten, welche Personengruppen das sind, mit welchen Vorkenntnissen, die dazukommen und auch aus welche, welche Studiengänge das sind. Aber, um dann vielleicht noch mal kurz zu bleiben. Ich glaube, es geht darum, dass man Dinge ins Laufen bringt, auch bestimmte Erkenntnisse und Erkenntnisse generieren kann, bestimmte Probleme oder Problemstellungen versteht und darüber hinaus Antworten sucht. Und dann auch darüber hinaus die richtigen Begriffe und möglicherweise auch nach einer Praxistauglichkeit sucht und Praxistauglichkeit kann man eben auf viele Dinge beziehen, also in der Kunst, allerdings auch im Schreiben.

Und darüber hinaus kann man überlegen, wo man seine Relevanz erfährt oder wie es gesellschaftlich wichtig ist oder… das kann man natürlich auch persönlich begründen. Und ich glaube, in diesen Fragen und in diesen Zielen und diesen Bewegungen, also genau, also in die Praxistauglichkeit oder ins Fragen zu kommen oder über diese Probleme nachzudenken, das sind schon alles Momente, wo man in Bewegung gerät oder wo man in Bewegung geraten kann. Und dann würde ich auch noch sagen, haben die Leute auch noch verschiedene Verantwortungen. Also, die Lehrperson muss irgendwie führen können oder auch das Seminar muss führen können und Richtungen vorgeben, sodass man sich in Bewegung begeben kann. Und ja, es ist gar nicht so leicht, weil Bewegung so viel betrifft und so vieles mit einschließt. Und ich weiß nicht, vielleicht als Rückfrage, soll ich bestimmte Dinge noch konkretisieren?

Frisch: Da kannst du natürlich von dir aus jederzeit gerne selber machen, ich frage aber sonst auch gerne nach. Jetzt hatte ich gerade zwei Fragen. Erstens die eine Frage, die ich jetzt im Kopf hatte und jetzt muss ich mal schauen, für welche ich mich entscheide, aber ich nenne sie trotzdem beide. Die eine Frage: Wann sagst du, heute war ein guter Studientag? Und die andere Frage: Woher kommt die Relevanz? Ich stelle erstmal die erste.

Reinhardt: Okay, ein guter Studientag. Also, ich glaube, „gut“ würde nicht gleich das bedeuten, dass man sich gut fühlt und auch nicht fröhlich, frohlockend aus dem Seminar kommt und denkt, man hätte alles erfahren, man würde alles wissen. Ich denke, „guter Seminartag“ würde für mich das bedeuten, auch irritiert und verunsichert zu sein, in dem es sozusagen es eine neue Weichenstellung gegeben hat, wo man Dinge anders sieht und dadurch eben eigentlich auch nicht weiß, wohin man gelangt, weil man eben etwas gesehen hat, was man zuvor noch nicht gesehen hat, weil man jemand anderes geworden ist, als der, der man war, bevor man in das Seminar gekommen ist.

Und ich denke, dass gut dann halt sein kann, wenn man Lust hat weiterzudenken, weiter zu überlegen und wenn man die sozusagen Interesse, sobald Interesse geweckt wurde oder Faszination, sich für etwas zu interessieren und mit etwas auseinanderzusetzen. Und ich würde auch sagen, dass er muss sich an das L’Abécédaire von Deleuze denken, dass es auch immer darum geht, ins Arbeiten zu kommen. Und ich glaube, das gelingt. Also ich bin froh, wenn es dann dazu kommt, wenn ich aus dem Seminar trete und denke: Ja, jetzt muss ich weiterarbeiten, jetzt muss es weitergehen.

Frisch: Du kommst interessiert aus einem gelungenen, aus einem Studientag, von dem du sagst, der war gut. Also du fühlst dich interessiert, du empfindest Interesse. Du hast nicht das Gefühl, das geht mich alles nichts an, das ist alles irrelevant. Schön, da können wir gleich die Frage nach der Relevanz nämlich anschließen. Sondern du fühlst dich interessiert. Kann ich das-? So höre ich das jetzt gerade. Und ich kann zumindest viel damit anfangen auch. Vielleicht gehe ich deswegen auch in Resonanz damit. Ich fühle mich interessiert, das war heute irgendwie gut, ich will weitermachen. Ich komme in, wie soll ich sagen. Ich komme in Tätigkeit oder ich habe Lust auch. Finde ich interessant. Also, d.h., so ein bisschen: Ich habe gar nicht einen Kriterienkatalog, den ich abhake, sondern ich habe zunächst mal einen Affekt, ein Gefühl, eine Disposition, die ich dann anfangen kann, zu erklären, zu beschreiben oder irgendwie sowas. Aber ich habe eigentlich eine Situation mit mir, als Ich. Komme da raus und sage Das war heute gut. Und dann könnte man und im Gespräch würde man dann aufgefordert sein, zu verbalisieren. Aber wir müssen ja gar nicht verbalisieren, um Welt und Selbstverhältnisse zu machen. Das ist ja dieses ganze Projekt hier. Mit diesem Podcast erlebe ich auch immer wieder, dass wir sehr viel mit Lehre und Lernen zu tun haben.

Wir haben sehr viel Wissen. Wir haben aber gar nicht immer viele Worte für all das, was wir hier tun und können und machen und was gelingen und nicht gelingen ist. Trotzdem tun wir es eigentlich alle gerne. Also, wir gehen gern an die Universität, um dort zu lernen, auch als Studierende. Wir gehen gerne in die Seminare, um dort zu lehren. Und wirklich, auch wenn wir sehr viel da jammern, also die Klage ist des Kaufmanns Gruß vielleicht, die Klage ist aber auch des Lehrenden Gruß. Trotzdem erlebe ich, dass wir das gerne machen, das mit diesem Lehren und dass wir da sehr viel können und sehr viel wissen und dass es da ein Gelingen gibt und dass wir so was sagen: Da ist ein Interesse und wir spüren Relevanz.

Ich glaube, dass das zwei Kategorien sein können. Du hast vorhin, hab ich gehört, dass du gesagt hast gesellschaftliche Relevanz. Und da habe ich mich wirklich gefragt, weil das fragen wir Lehrenden uns die ganze Zeit. Wie wecken wir Interesse? Und das fragen wir auch als Studierende uns die ganze Zeit. Wie wecke ich selber Interesse an einen Gegenstand? Denn ich will ja etwas lernen, was ich noch nicht weiß, dass es mich interessiert. Woher kommt die Relevanz für diese Themen? Das wäre vielleicht so was wie der Zündfunke des Interesses.

Wo kommt Relevanz eigentlich her? Was hast du für Relevanz? Was ist für dich relevant? Wo sagst das ist für mich total wichtig, deswegen mache ich das hier alles. Also, als Studierender.

Reinhardt: Da muss ich und möchte ich lang antworten darauf. Ja, mal gucken, ob es gelingt.

Die Relevanz Erfahrung? Also ich möchte vielleicht auch noch mal darauf eingehen, wie du das jetzt formuliert hast, wie kann man Interesse wecken? Und das bedeutet ja, dass eine Lehrperson bei den Studierenden Interesse wecken kann. Und durchaus funktioniert das ja auch so. Und ich denke, ich glaube einmal sagtest du und ich weiß nicht mehr in welchem Kontext, bevor man etwas nachschlagen kann, muss man etwas vorgeschlagen bekommen haben. Und natürlich könnte man dann sagen, ja, die Lehrperson muss etwas vorschlagen, das wäre dann so etwas wie Interesse wecken oder sowas.

Oder eine andere Formulierung, glaube ich, wäre, ich glaube auch, die auch im Rahmen eines Gespräches, was wir mal geführt hatten, zustande kam, war eben eigentlich so einen Fahrplan vorgeben. Und der Fahrplan, den können die Studierenden dann eben benutzen, um auch zu ihren eigenen Orten zu fahren. Ich würde dann aber auch nochmal die Frage stellen oder eher korrigieren wollen mit der Frage, ob das denn nicht auch andersrum verläuft, dass das Interesse, was die Studierenden haben, das Interesse der Lehrperson beeinflussen und somit eigentlich ein Feedback oder eine Resonanz entstehen kann. Und ich glaube, damit würde man dann gleich sagen können, dass verschiedene Personen Verantwortung haben und auch verschiedene Relevanz auch erfahren in dem Seminar selbst, wie das Seminar ausgerichtet werden kann oder überhaupt Lehre ausgerichtet werden kann. Ich würde da natürlich jetzt erstmal ausklammern die hochschulpolitischen und institutionellen Bedingungen, an die das natürlich auch geknüpft ist, aber durchaus, wenn man jetzt in dem Seminar mit da drin sitzen würde und weil das ja meistens auch sehr frei ist, gehört eben das dazu. Und persönlich Relevanz erfahre ich dann, wenn und das ist total schwer auszudrücken, ich würde das versuchen, wenn ich das Gefühl habe, man trifft mit den Worten etwas und dieses Treffen bezeichnet dann nicht das, dass die Worte dafür die richtigen sind und damit etwas widerspiegeln, sondern dass sie eben beschreiben können, wie man einem bestimmten Gegenstand gegenübertreten kann, einem bestimmten Problem.

Und ich würde dann sagen, was mich persönlich interessiert ist, wenn ich verstehe, wo das Verhältnis zwischen Theorie und Praxis ist und auch das Verhältnis zwischen Kunst und auch, wie man darüber spricht. Und auch, wie die richtige Sprache gefunden werden kann, dass man etwas erklären, wobei erklären nicht der richtige Begriff ist. Sondern zu etwas hinführen kann. Und dann, wie man dazu kommt, in der Tätigkeit, in der Praxis Antworten zu finden, zu denen man einerseits durch Sprache hingelangt, aber eben auch durch eine praktische Tätigkeit, durch eine künstlerische Tätigkeit.

Und wenn ich da näher komme oder wenn etwas damit resoniert oder jegliche Fragen einen guten Punkt streifen oder ein Problem diesbezüglich, dann finde ich das für mich relevant und finde das interessant. Und da möchte ich dann immer dort weitergehen. Und jetzt möchte ich noch etwas anderes sagen, und zwar ist das, und ich glaube, das ist irgendwie auch ganz wichtig, wenn man etwas vorgibt und Interesse wecken möchte mit bestimmten Gegenständen, Themen, ist es ja nicht immer nur das, was dann bei den Studierenden ankommt. Und das ist ja nicht das Gleiche. Möglicherweise ist die Sicht der Studierenden dann eine andere, aber das Seminar hat natürlich trotzdem etwas gebracht. Und dann würde ich eben so das formulieren, dass das, was gelehrt wird, nicht gleich das ist, was bei den Studierenden ankommt. Und dass - man kann, also mit anderen Worten, die Studierenden können das Richtige hören, obwohl die Lehrpersonen das Falsche sagen.

Frisch: Ja, interessant. Also richtig und falsch vertauscht sich dann. Das sind wie so Elektronen, die dauernd hin und her hupfen können. Das teile ich. Das ist auch wirklich ganz, ganz, das kann ich richtig nachempfinden. Ich habe da immer das Bild. Als Lehrperson ist es immer wahnsinnig schwierig, etwas, was ich als richtig erkannt habe, so, wenn man jetzt so sagt, dann zu übertragen und zu vermitteln. Und oft ist die einfache Vorstellung ist ja die und dann kommt die ganze Kommunikationstheorie rein. Ich sag's und die anderen hören es und nehmen es. Und da hat ja Niklas Luhmann gesagt, also drehen wir es um. Es ist gar nicht die Aufgabe des Sprechers oder der Sprecherin, das zu organisieren, sondern der Hörenden, wie es weitergeht. Also es sind ja Anschlussprozesse.

Deswegen kommt man dann auf eine Systemtheorie und kommt aus dem Kommunikationsprozess letztlich dann zu einem System. Vorschlagen oder vorgeben und nachschlagen und dann bringen. Das finde ich interessant, weil mich wirklich die Praxis interessiert. Das sind Verben. Das eine ist also vorschlagen, das andere ist nachschlagen. Das dritte ist, „es bringt was“ oder „da bringt es was“. Also, wer, wohin könnte man da fragen. Und das Interesse, dass die Studierenden haben, das Richtige und das Falsche sagen und hören.

Ich habe da immer das Bild, da komme ich darauf zurück, was ich vorhin angedeutet habe, das Bild von: Ich möchte malen können wie Van Gogh. Dann nehme ich sein Bild und male es ab und setze sorgfältig jeden Pinselstrich dahin, den ich auf dem Bild ja sehe. Dann wird mir das Bild zur Partitur, aber ich male dann natürlich ganz anders, als Van Gogh dieses Bild gemalt hat. Das heißt, dieses Vormalen und Nachmalen sind zwei völlig unterschiedliche Prozesse, die sich auf diesem Interface der existierenden Leinwand da irgendwie vollziehen. Hinter und vor der Leinwand. Als Filmwissenschaftler bin ich da mit diesem Phänomen die ganze Zeit konfrontiert, weil es gibt immer dieses "hinter der Leinwand“, „vor der Leinwand“. Und da wollte ich auf diese Differenz oder Unterscheidung oder auf diese Dichotomie oder eine Relation, die Beziehung zwischen Theorie und Praxis zu sprechen kommen, dass meine Erfahrung eigentlich die ist, dass es eine Transformation von Praktiken ist. Und nicht eine Beziehung von das eine ist die Praxis und die Theorie ist was anderes als die Praxis. Die Theorie selber ist wieder eine Praxis und hat auch eine eigene Praxis.

Und da hast du ja noch erwähnt, Kunst als dritten Pol vorhin habe ich da gehört, das hast du also gesagt, Verhältnis zwischen Theorie und Praxis. Ich weiß es, weil ich mir das notiert habe, deswegen kann ich darauf zurückkommen. Verhältnis zwischen Theorie und Praxis und das Verhältnis zwischen Kunst. Ich glaube, wahrscheinlich meintest du, oder darf ich nochmal nachfragen? Also, als Dreieck dann. Und jetzt finde ich interessant, was das für Kategorien sind, ob das nicht alles Praktiken sind und ob wir nicht Theorie und Kunst haben, wobei das ist wahrscheinlich auch nicht die Praxis, sondern Wissenschaft und Kunst. Und dann darin oder dazwischen Praktiken unterscheiden können. Die Theorie hat und ist eigentlich eine eigene Praxis, ist meine Erfahrung einfach. Deine künstlerische Praxis. Darf ich einfach jetzt mal so cut und wenden und abbiegen. Deine künstlerische Praxis, worin besteht die?

Reinhardt: Ach so, jetzt, das ist natürlich eine andere Frage geworden.

Frisch: Genau, das meinte ich mit abbiegen.

Reinhardt: Natürlich hätte ich auch gerne auf das andere geantwortet.

Frisch: Also, kannst du auch, ist offen, du kannst zurückfahren und sagen, nee, wir gehen nochmal hinten zu.

Reinhardt: Ja, also vielleicht aber dann trotzdem mit der Frage, meine künstlerische Praxis. Ich würde die erstmal damit konkretisieren, darin, dass ich interessiert bin im Klang und im Sound. Und was klangliche Erfahrungen alles bringen kann. Oder erschaffen kann. Oder wie man über das Ohr denken kann. Und dementsprechend wäre das schon eigentlich eine Antwort darauf, dass ich natürlich denke, dass Theorie oder Wissenschaft und auch Kunst zusammen Antworten finden kann.

Und ich gehe davon aus, dass man an einen Punkt geraten kann, wo man eben in viele Bereiche sozusagen Referenzen ziehen kann und Antworten und eigene Dinge schaffen kann. Und meine künstlerische Praxis bestände eben dann darin, eben auch mit dem Mikrofon Dinge zu hören und über das Mikrofon sich Dinge zu erschließen. Und aber auch darin dann zu überlegen und zu reflektieren, was hörbar wird und im Vergleich auch das, was sichtbar ist und was nicht sichtbar ist. Und dann ist meine künstlerische Praxis dann, ja, aufnehmen, reflektieren, schreiben. Und ja, dann könnte man noch näher sagen, dann geht es darum, Field Recordings zu machen und dann geht es auch wieder darum, zu reflektieren, was darin möglich ist und was das mit Ökologie zu tun hat, mit Klangökologie und auch wiederum, was das Verhältnis eigentlich dazu ist, was das Weltverhältnis von einem hörenden Menschen sein kann im Vergleich zu jemand, der nicht hört.

Aber das sind jetzt alles nur so ganz kurze Perspektiven. Natürlich interessiere ich mich auch für Film und ganz andere Dinge und möchte da irgendwie künstlerisch praktisch tätig werden.

Frisch: Und was lernst du für dieses Interesse an der Universität in deinem Studiengang? Wie lernst du da? Hast du vielleicht konkrete Beispiele oder allgemeiner Natur, was gibt dir das Studium an der Universität für diesen Zusammenhang?

Reinhardt: Ja, durchaus eine sehr wichtige Frage. Ich glaube, ich muss, glaube ich, eigentlich ist das ein Wermutstropfen erstmal, ich glaube, eigentlich ist es gar nicht so leicht, sich diese Dinge zusammen zu erschließen, so wie ich sie jetzt formuliert habe, zu sagen schreiben und praktisch tätig sein gleichzeitig. Ich glaube, da gibt es durchaus Hürden und vor allem auch Seminare, die, wenn sie vor allem praktisch sind, versuchen die Dinge, manche Dinge theoretisch, also lesen und sich lesend Dinge zu erschließen und dann darüber zu reflektieren, ja, ausklammern und ausschließen und sich dann eben auf eine praktische Tätigkeit konzentrieren.

Frisch: Also du meinst, wenn du Praxis sagst, eine andere Praxis als die schreibende Praxis?

Reinhardt: Genau, also das vielleicht auch. Ist das eigentlich, das muss man, glaube ich, so kompliziert sagen, weil…

Frisch: Ich glaube auch.

Reinhardt: Ja. Und ich denke, dass…

Frisch: Also, was gibt dir die Universität?

Reinhardt: Und genau, und die Universität, unsere Universität, die Bauhaus-Universität bietet es natürlich an, dadurch, dass sie auch so klein und verschiedene Fakultäten hat, dass man auch andere Bereiche besuchen kann, die eine andere Praxis besitzen. Und ich glaube aber, dass man den Sprung selbst machen muss und man muss auch das Wissen haben, dass es so etwas gibt und dass es unter anderem die Fakultät Medien gibt mit ihren verschiedenen Ausrichtungen und Bereichen, die aber immer auch in Resonanz treten können mit dem, was in anderen Fakultäten gemacht wird.

Und durchaus gibt es dann eine institutionelle Trennung und andere Studiengänge, aber die Frage ist, ob das wirklich so sein muss, ob das wirklich getrennt ist. Und dann habe ich mir selbst den Weg da so zusammengesucht und verschiedene Seminare aus verschiedenen Bereichen belegt und besucht und kennengelernt und auch zu lieben gelernt, würde ich sagen. Und ich denke, dass die, dass ich glaube, ein mehr, ich würde englischer Begriff awareness bräuchte, auch auf der Seite der Professor:innen und so sagen müsste, da weiß ich nicht weiter, besuch doch mal das und das Seminar. Aber das ist natürlich nicht immer möglich, weil verschiedene Professoren und Lehrende auch gar nicht wissen, was an den anderen Seiten, an anderen Orten der Universität alles passiert. Und ich glaube, da bräuchte es eigentlich Ermutigung von der Universität, alle Seiten der Universität anschauen zu können und zu überlegen, wie man selbst die verschiedenen Bereiche verknüpfen kann.

Frisch: Und darf ich nochmal vielleicht nochmal den Bereich deines Studiengangs selber fragen, weil das interessiert mich echt. Also, interessiert mich alles. Aber das interessiert mich, weil ich es nicht weiß, wie das Studium der Medienkunst, insbesondere in Hinsicht auf deine Interessen am Sound konkret wirklich aussieht in der Gestaltung der Lehre. Was wird euch zur Verfügung gestellt?

Was für Räume usw. hast du im Studium das, ich sag mal, das Bereich Sound, Soundgestaltung, also experimentelles Radio heißt ja der Lehrstuhl, aber in dem ganzen Bereich Audio/Phono, diese Ökologien, die du angedeutet hast usw., das zu studieren, dieses Interesse zu entfalten, zu nähren, auch zu befriedigen mehr oder weniger und darin auch, ja, wahrscheinlich auch Relevanz zu gewinnen. Was ist in diesem Studiengang, wie sieht die Lehre aus konkret? Was machst du in einem Seminar, weiß ich nicht, in einer Vorlesung, in der Übung ganz konkret, was lernst du alles kennen?

Reinhardt: Ja, ich werde das beantworten. Ich möchte aber dazu sagen, dass ich natürlich nicht wusste, dass ich dort enden werde oder dass ich hierhin gelangen werde.

Frisch: Ist es schon das Ende?

Reinhardt: Im gegenwärtigen Moment schon. Geht ja weiter, zum Glück. Genau. Und dass ich durchaus andere Interessen hatte oder Vorstellungen, mit denen ich an die Universität gekommen bin, zu fragen, wenn ich jetzt hier bin und das als Ziel sehen würde und vielleicht auch im Podcast, im Podcast so zu sagen, ja, wie kommt man dorthin, wo ich gerade bin oder was sind so die Wege? Dann muss man durchaus sagen, dass mein Weg darin bestanden hat, auch viele Abbiegungen zu nehmen, die davor nicht klar waren. Und ja, die Universität, die Medienkunst, Mediengestaltung bietet, hat verschiedene Professuren, die Fokus auf Klang haben. Und ich glaube, der Studiengang verändert sich auch in die Richtung.

Unter anderem gibt es das experimentelle Radio und akustische Ökologien, also das experimentelle Radio. Dann gibt es den Bereich der elektroakustischen Musik, dann gibt es noch einen anderen Bereich, das ist die Klangökologie oder akustische Ökologien und dann gibt es auch noch Gestaltung medialer Umgebungen und genau, Medienereignisse gibt es auch noch als Professur.

Und in den Bereichen kann man immer mit dem Mikrofon arbeiten und man erlernt auch unterschiedliche Praktiken innerhalb der Professuren und verschiedene Ausrichtungen, wo man überall Relevanz finden kann. Dann ist die Frage, wo möchte man hingelangen? Möchte man mit Mikrofon zu Leuten hingehen können oder möchte man mit dem Klangmaterial arbeiten und durch eine bestimmte, bestimmte Klangsprache und Klangästhetik, anknüpfend an musikästhetische oder musikwissenschaftlich theoretische Überlegungen, ja, Antworten finden, wie eine andere Musik aussehen könnte mit einem anderen Klang. Und dann ist man natürlich im Feld davon, dass man das aufführen muss. Das ist ja wirklich sehr, sehr vielseitig. Oder in der Gestaltung medialer Umgebungen kann man eben wie Installation und auch Klanginstallation machen.

Und es geht durchaus immer darum, in allen Professuren und glaube auch in allen Seminaren, ja, so eine Praxis herauszufinden, die der eigenen Agenda entspricht, sodass man aus sich selbst schöpfen kann, so blöd ich diese Bezeichnung finde. Und ja, es ein Rahmen gegeben werden kann, in dem man ja tätig werden kann innerhalb dieses Bereiches. Und die Universität bietet dann Seminare an, wo man sich eigene Interessen oder eigene Sachen aussuchen kann, zu denen man forschen möchte oder zu denen man etwas machen möchte. Und ja, also ich merke gerade, wie ich immer weiter ausweite, weil ich das gar nicht so klar sagen kann.

Man müsste sagen, jedes Seminar hat natürlich auch einen inhaltlichen Schwerpunkt. Aber das stimmt schon wieder auch nicht ganz, weil es Seminare gibt, die ganz frei sind. Dann muss man sagen, dass manchmal Seminare so ablaufen, dass man etwas praktisch vorgehabt hat, etwas zu tun und am Ende endet man dann aber darin, eher nur eine PDF abzugeben mit inhaltlich methodischen, vielleicht Überlegungen, wie man etwas umsetzen kann. Dann sagt man ja, der Prozess des Überlegens, wie man etwas machen kann, ist genauso förderlich und auch für das eigene künstlerische Schaffen und dem eigenen Interesse gegenüber, wie das als — also, man kann das nicht vergleichen. Das ist auch wichtig.

Frisch: Ja, das ist eine eigene Praxis. Also das gibt es ja, das hat ja die Kunst dann im 20. Jahrhundert auch angefangen einzuführen, die Konzeptkunst usw., wo viele auch dann so verständnislos davor stehen und sagen, ja, aber die Ausführung fehlt. Und dann fehlt aber eigentlich das Verständnis dafür, dass dieses Konzept das Ergebnis ist oder das Produkt oder letztlich eben das Ereignis des künstlerischen Werks und eben nicht es darum geht, diesen Vorschlag auf etwas zu beziehen, was was anderes ist. Also der architektonische Entwurf als z. B. da kann man es vielleicht deutlicher machen, das Haus ist nie gebaut worden. Ja, aber der Wert der Skizze selber kriegt dann eine eigene Materialität und Verlaufsform, so könnte man es dann ausdrücken.

Ich muss gerade [trinkt einen Schluck] hab einen Reiz im Hals. Du hast gerade was Schönes gesagt. Aus sich selbst schöpfen kann. Und da hast du eigentlich auch, ich habe da eine Bewertung gehört, so blöd dieser Ausdruck ist. Es gibt ja, also, wenn es hier um Lehre geht und aus sich selbst schöpfen zu können, da gibt es dieses Bild, was ich in einigen Folgen auch schon aufgerufen habe, was Lehren ist. Und da gibt es diesen Spruch von Heraklit, der sagt, Lehren ist also nicht Amphoren befüllen, was das Gegenteil von Schöpfen wäre, Amphoren befüllen, sondern Fackeln anzünden. Und dann gibt es, dann habe ich viel später, das hat mir irgendwie eingeleuchtet, ich hatte aber auch ein Unbehagen, da dauernd zu brennen, das fand ich irgendwie unangenehm.

Aber dann gibt es noch das schöne Bild von einem Zen Mönch, der die Lehre ist eigentlich nur das Wasser, das man braucht, um den Unterdruck im Brunnen zu erzeugen, um dann letztlich die eigene Quelle zum Sprudeln zu bringen. Was vielleicht, also das war meine Assoziation mit dem „aus sich selbst schöpfen“ irgendwie ist. Und darin ist natürlich, darin ist ein bisschen diese Quelle, die ist ein bisschen mysteriöser als die Amphore und die Fackel, weil bei der Amphore, da haben wir was Gegebenes, das ist das Gefäß und die Fackel, das ist eben dieser Brennstoff. Aber was diese Quelle eigentlich ist und woher die kommt, ist mysteriöser. Und gleichzeitig aber berührt das eine Frage, die Heraklit gar nicht stellt, nämlich die nach der Lebendigkeit. Also, die ist ja dann mehr oder weniger in einem Amphore oder in einer Fackel gegeben. Und irgendwie ist es merkwürdig, dass die Lebendigkeit also darin sich irgendwie äußert oder zeigt. Aber vielleicht habe ich es auch noch nicht richtig verstanden. Aus sich selbst schöpfen ist natürlich ein Bild, was nochmal relativiert, also wo die Amphore vielleicht wieder Einzug hält in das Bild der Quelle.

Reinhardt: Ja, durchaus. Dadurch könnte man dann durchaus auch die negative Bemerkung noch, also warum das so blöd ist, aber ich meine die Amphore. Aber ich würde auch sagen, ich habe noch ein eigenes Bild, was ich vielleicht noch gleich noch erwähnen werde. Aber die Frage ist natürlich, schöpfen und die Quelle, das kommt ja auch irgendwo her. Und natürlich ist es schwierig zu fragen, wo das herkommt, wenn man sagt, ja, der Inhalt, die Bildung, die Lehre, das Interesse, die Faszination, woher entsteht das? Und es gelingt nicht so richtig, weil man manchmal dann Bilder braucht und die Bilder geben auch nur Antworten, die auch in den Bereich des Nichtwissens zeigen. Und eben sagen, ja, es ist nicht ganz klar, woher das kommt. Ich finde, es gibt noch ein anderes Bild, was ich eigentlich auch ganz gut finde, und zwar ist das von Arnold Schönberg, der hat das erwähnt oder erzählt in der Harmonielehre in seinem Buch und hat im Vorwort folgendes Bild aufgemacht.

Und zwar sagt er, dass es ein Geduldsspiel gibt, wo in einem Glaskasten drei verschiedene Röhrchen, Metallröhrchen, sind, die haben alle einen unterschiedlichen Durchmesser. Und dann sagt er, nun, man könnte eben überlegend methodisch vorgehen und überlegen, wie man die jetzt irgendwie ineinander schiebt und wie man das bewegt. Aber man könne sie auch aufs gerade wohl einfach schütteln und dann, ehe man sich versieht, sind alle beisammen, alle Röhrchen ineinander gesteckt, weil das ist das Ziel also dieses Spiels. Und durch dieses Schütteln, durch die Bewegung entsteht das. Und dann sagt er, nun, man könnte sagen, das sei Zufall, aber er spricht sich dagegen aus. Er findet also, das ist unnütz, das so zu bezeichnen. Er würde eher sagen, gerade der Gedanke, der dahinter steht, ist, dass die Bewegung zu etwas imstande ist, etwas hervorzurufen, was der Überlegung nicht gelingt.

Und durch die Bewegung kann man dann eben bestimmte Dinge erreichen. Und da sagt er, nun, ja, was kann die Lehrperson, die Lehrende methodisch erreichen? Und dann sagt er, naja, gerade die Bewegung, diese Bewegung zu erreichen, da wären wir wieder am Anfang.

Frisch: Das finde ich gerade richtig schön, weil wir dann sind, also die Universität hat mehr oder weniger die Aufgabe, ein Gefüge zu sein. Also nicht einfach ein Kasten oder ein Gestell oder ein Gerüst oder sowas, weil in dem Begriff eben die Starrheit drin ist. Das Schöne an dem Begriff, an dem deleuz’schen Begriff Gefüge ist ja sozusagen, nicht „sozusagen“, sondern ist es, dass es etwas ist, was selbst eine Bewegungsform hat, aber eben langsamer oder irgendwie stabiler oder träger oder sowas. Und dann ist es eigentlich die Zur-Verfügung-Stellung einer Bewegungsform oder einer Bewegungsmöglichkeit. Eine Sache habe ich jetzt noch nicht verstanden in diesem Bild, warum die Röhrchen denn ineinander gesteckt sind oder müssen oder, dass da ein Ziel drin ist, das schon formuliert ist, wenn man sich in Bewegung setzt.

Reinhardt: Ja, durchaus. Ist eine interessante Frage. Ich glaube, beim Schöpfen, was soll das Wasser sein, was rauskommt?

Frisch: Aha, genau, stimmt.

Reinhardt: Oder das brennende Feuer, was soll denn das sein?

Frisch: Ich glaube, das ist gut. Wozu soll es eigentlich gut sein? Also z.B. das ist ja in manchen Kulturen oder manchen Zeiten, in manchen Ländern auch so gewesen, dass man vor den Studierenden besonders Angst hatte, weil sie ja alles in Brand setzen. Also, Studierende haben ja manchmal bestehende Verhältnisse in Brand gesetzt, wenn man so will. Und dann ist es gar nicht so gut, wenn das Fackeln sind. Also, sagen wir mal, aus Sicht der bestehenden Verhältnisse zumindest.

Reinhardt: Ja, natürlich, ja. Also die die Frage bezeichnet oder die ich, also die Lehre soll die Bildung oder Erkenntnisse bringen. Und dann könnte man natürlich fragen, ist das das Ziel der Röhrchen, die ineinander zu stecken oder ist das das Ziel? Also, was wären das alles? Also, natürlich ein Brand. Das wäre was ganz anderes, wäre das dann etwas in Brand zu setzen. Aber das Feuer an sich, was wäre das? Und ich glaube, da kommt man dann auch, da muss man auch fragen. Also, ich glaube, da würden wir den Bereich streifen von gesellschaftlicher Relevanz. Oder ich würde das vielleicht „gesellschaftlich“ auch ausklammern. Ich würde sagen Relevanz und die kann man unterschiedlich, findet man immer unterschiedlich.

Frisch: Interessant. Wo kommt die her? Ist die nicht auch in der Quelle? Also, ich erlebe das in vielen Gesprächen, also wir drehen ja dauernd uns um die Frage, worum geht es? Man kann es ja auch runter machen, worum geht es beim Lernen? Und natürlich wird das dann sehr schnell sehr kompliziert. Unser Gespräch ist ja sehr abstrakt und sehr schnell kompliziert. Aber letztlich ist es die Frage, wir machen das nicht so stark, an Beispielen, aber letztlich oder sehr viel an vielen Punkten dieses Gesprächs, führen wir uns immer wieder nach Interesse und Relevanz, finde ich tatsächlich.

Und ich erlebe es in vielen Gesprächen, wenn es darum geht, Abschlussarbeiten oder Hausarbeiten zu machen, da geht es ja meistens darum, ich muss jetzt, also ich habe jetzt irgendwie, ich sehe schon, dass ich die nächste Zeit mit einem Thema und mit was verbringe usw. Ich gebe da Kraft rein, ich gebe da Dinge soll sich lohnen, das soll was werden, was einen Wert hat. So, da geht es um Wert und da geht es auch um Bewertung. Und dann geht es auch eben darum, dass ich mich dazu entscheide, etwas zu machen, was ich gut finde. Also, das wäre die Bewertung. Meine Bachelorarbeit soll gut sein, sie soll auch für etwas gut sein. Und dann wird meistens, also ich möchte was machen über Klimawandel oder ich möchte was machen über irgendein Problem in internationalen Beziehungen oder sowas in der Richtung.

Ich merke oft in Gesprächen, dass mehr oder weniger tagespolitische Themen oder dass politische Themen, die gerade im Tagesdiskurs, das ist nicht der, also, ist nicht der tägliche Diskurs, also nicht das aktuelle Datum, sondern so in den letzten halben, im letzten halben Jahr, im letzten Jahr oder in den letzten vier, fünf Jahren von mir aus, im Diskurs sind. Und diese Gespräche sind mir in den letzten Jahren, ich habe irgendwann angefangen in der Beratung für Hausarbeiten oder Abschlussarbeiten, wirklich die Frage zu, also wirklich das in Frage zu stellen. Interessiert dich das wirklich oder interessiert sie das wirklich? Je nachdem, die frage ich so natürlich nicht, sondern ich sage dich, interessiert Sie das wirklich? Das ist ja ein Affront. Aber ich gehe mit dieser Frage da rein. Ist das wirklich so, dass die Person, die jetzt hier auf die Welt gekommen ist, mit ihrer ganz eigenen Agenda, mit ihrer Persönlichkeit hier jetzt gerade da in Weimar, interessiert ist an dem Konflikt im Jemen oder so. Und meistens artikuliert sich darin etwas oder daraus etwas, was die Person tatsächlich angeht oder auch anmacht. Und dann werden manchmal Themen daraus, die irgendwie eine, wie soll ich sagen, die irgendwie eine Eigenschwingung haben oder sowas. Das ist ganz merkwürdig jetzt, schön, dass wir hier im Sound sind. Also, die tatsächlich irgendwie, wo man dann merkt, ah ja, so tickt es hier oder jetzt hört sich's, jetzt glaube ich es. Es gibt dann so einen Moment, wo ich ah, das glaube ich jetzt, das vorher, das glaube ich irgendwie nicht so richtig. Natürlich nicht immer, aber so, das ist dann so ein Kriterium.

Und manchmal sind das auf einmal ganz andere Sachen. Plötzlich erzählen die ja, ich habe da so eine Fotografie gesehen und das war eben in dem Zeitungsartikel und so und so. Und deswegen möchte ich mich mit dem politischen Konflikt im Jemen befassen. Und ist da so eine Hausarbeit. Also, erstmal Geschichte des Jemens, Geschichte der Politik, was ist eigentlich gut, was ist Krieg und so, Wahnsinn. Dann, aber ich verstehe ja, das will man dann ja alles wissen, aber. Und dann kommt, also das Beispiel gibt es nicht, das erfinde ich gerade, kam noch nie jemand mit dem Jemen zu mir. Nicht, dass jetzt jemand: So, wer war das? Aber und dann ist es so, also jetzt mal, wenn ich es so übertrage aus den Erfahrungen, dann ist es manchmal so, ja, da habe ich in der Zeitung was gesehen und so und so.

Und plötzlich merke ich, die Leute interessieren sich für die affektive Kraft der Fotografie. Das ist das eigentliche Interesse. Und dann wird auf einmal das ganze Thema, ich muss die Geschichte des Krieges machen, die Geschichte des Jemens usw. Dann kann man plötzlich nee, das brauche ich alles gar nicht. Also ab dem Moment, wo man merkt, jetzt wird mein Thema automatisch, erfährt eine Konzentration, dann fange ich auch an, mein Interesse und mein Relevanzpunkt.

Nämlich der Relevanzpunkt ist, glaube ich, wirklich das Interesse. Und eine der großen Fragen. Also, dieses „aus sich selbst Schöpfen", hast du das vorhin genannt, die Universität gibt einem das, dass man aus sich selbst schöpfen kann. Ich glaube, ich habe das vorhin an irgendeiner Stelle noch mal notiert. [Seitenrascheln] Das ist auch immer dieses Blättergeräusch, was man möglicherweise hört. Was ist das, was mich interessiert an dem, was mich interessiert? Diese Frage ist, glaube ich, wichtig. Und das ist, glaube ich, die Universität könnte ein Ort sein, an dem ich mich zu dieser Frage bewegen und ausprobieren kann.

Also, ein Ort, der offen genug ist und stabil genug ist, um eigentlich, das ist doch die zentrale Frage: Was ist das, was mich interessiert an dem, was mich interessiert?

Das ist eine selbstbezügliche Frage, aber letztlich geht es irgendwie darum, dass das zu artikulieren. Und du hast was Schönes gesagt. Jetzt gehe ich in Monolog, das ist mein Beruf, Entschuldigung, aber du hast was Schönes gesagt. Man arbeitet mit dem Mikrofon. Und ich glaube, dass, also das sehe ich schon so, dass das eine Praxis ist. Die einen arbeiten mit dem Stift oder mit der Tastatur, die anderen mit dem Mikrofon und so und so. Und das sind Artikulationen, in denen man sich, glaube ich, in denen wir uns als Menschen, wenn man so will, in ganz unterschiedlichen Artikulationen, eben dazu verhalten, zu dem Interesse, an unserem Interesse oder auch vielleicht an unserem ganzen Daseinsvollzug, dass wir da eine Praxis finden, in der wir unser Dasein gestalten und dann auch Gesellschaft gestalten. Nicht wahr?

[Beide lachen]

Reinhardt: Nein, nein. Doch.

Frisch: Gerne!

Reinhardt: Also, ich finde die Interesse, also, gibt es da nicht irgendwie auch so einen Punkt, wo man folgt und erfährt und Lust hat, wo man nicht sagen kann und konkretisieren kann, was denn nun das Interesse sei? Also, es gibt ja auch diese Bezeichnung „einer praktischen Intuition folgend“. Und die Theorie oder die Wissenschaft funktioniert manchmal so, oder dass ja das eigentlich das Interesse am Konflikt des Jemens, darüber hinzukommt, dass überhaupt, wie mit Bildern gearbeitet wird, muss man ja erstmal, muss man erst mal etwas folgen, um auf etwas dann schließen zu können. Und ich denke, dieses Interesse am Interesse würde bezeichnen, dass man es benennen kann. Also, auch die Reflexivität und Bezüglichkeit ist natürlich dann auch in so einer eindeutigen Bestimmbarkeit oder der Lust oder der Wille, etwas eindeutig bestimmbar zu machen, was ich ja wichtig und gut finde.

Aber manchmal komme ich zu dem Punkt, wo ich sagen kann, ja, gelingt es denn überhaupt? Und dann ist es natürlich dann auch wieder ein Arbeiten daran, irgendwie die richtigen Worte zu finden, darüber richtig sprechen zu können. Aber das ist nicht das Ziel, die Sprache zu finden dafür.

Frisch: Ich glaube, so habe ich das gemeint. Ja, das ist schön, wie du das jetzt nochmal weiterführst. Ja, ja, nicht die verbal, es geht nicht nur um Verbalartikulation und auch nicht um verbalschriftliche Artikulation, sondern einfach überhaupt eine Artikulation zu seinem Interesse zu entwickeln. Oder aus seinem Interesse heraus. Und aus der Artikulation heraus dann vielleicht das Interesse in irgendeiner Weise erfahrbar zu machen. Für sich selbst auch, aber auch für die anderen. Also, ich meine, dieser Podcast, dieses Gespräch, das wir hier jetzt gerade führen, da haben wir ja nicht uns vorgenommen, dass wir jetzt ein Gespräch führen, wir machen 45 Minuten und das gelingt oder misslingt und am Ende können wir sagen: Erfüllt oder nicht erfüllt. Sondern wir artikulieren und äußern in diesem Gesprächsverlauf und durch ihn ja irgendwie ein Gebilde, was man sagen könnte, da kommt unser Interesse an etwas zum Ausdruck. Oder überhaupt eine Art von Interesse. Mit dem Mikrofon arbeiten. Wir haben noch drei Minuten dazu noch zwei, drei Worte?

Reinhardt: Ja, ich glaube, eine Erkenntnis oder eine Beobachtung, die ich gemacht habe, ist, dass gerade das Mikrofon nicht nur Übersetzer ist oder nicht Übersetzer oder jemand ein Gegenstand ist, der etwas aufschreibt und dann einfach nur wie als teilnehmender Beobachter anwesend ist, sondern eigentlich auch etwas ist oder das Mikrofon ermöglicht auch und stellt her. Und ich glaube, das ist das Tolle, dass man sagen kann, ja, ich möchte ein Interview machen, ist ja klar, dann möchte ich das auch aufzeichnen, aber ohne Mikrofon würde man vielleicht weniger fragen, machen wir das Interview? Und dass durch das Mikrofon erst das Interview zustande kommt. Ich finde das ist, wenn man, also ich finde das ziemlich verrückt, dass das wirklich so ist. Und ich selbst habe schon Interview oder Situationen gehabt, wo ich mit Leuten mich austauschen konnte, wo der Schlüssel das Mikrofon war und ich bin dankbar dem Mikrofon gegenüber.

Frisch: Das Mikrofon bringt also neue Artikulationsweisen in die Welt. Das nimmt nicht einfach nur auf Gespräche, die eh stattfinden würden, sondern diese Gespräche, eins z. B. dieses, das wir hier führen, das organisiert auch das Mikrofon, das stiftet das Mikrofon.

Reinhardt: Und gleichsam ist es eben ein Schlüssel für mich, um Gespräche zustande zu bringen oder zu ermöglichen.

Frisch: Das ist ein echtes Produktionstool. Das ist wirklich ein Produktionswerkzeug, das Mikrofon. Ausgezeichnet. Lieber Simon, ich danke dir sehr für dieses Gespräch.

Reinhardt: Ich danke auch. Vielen Dank.

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