Ep. 44 – Gespräch mit Marianna Schröder

Shownotes

Eine bewegte Bildungsbiografie als Ausgangspunkt für leidenschaftliches Lernen: Simon Frisch spricht mit Marianna Schröder über ihren Weg vom Schulabbruch zum Studium der Philosophie und Biowissenschaften. Die Studierende erzählt vom Nichtschüler*innen-Abitur, vom selbstorganisierten Lernen zwischen Büchern, Gesprächen und Hasenlöchern und davon, wie Neugier, Freiheit und Resonanz ihren Zugang zur Universität prägen. Es geht um Lernen als Sinfoniekonzert mit Höhen, Brüchen und Finalen, um das Spannungsfeld zwischen institutionellen Anforderungen und eigensinnigem Denken, um Scheitern als produktive Erfahrung und um die Frage, wie Begeisterung am Brennen gehalten werden kann. Welche Rolle spielen Tiere, Bewegung und Körperlichkeit im Denken? Was kann die Universität sein? Angebot, Rahmen, Hasenlochsammlung? Und wie verändert künstliche Intelligenz unseren Blick auf Wissen, Schreiben und den Mut, kluge Fragen zu stellen?

Unser Host: Dr. Simon Frisch ist Vizepräsident für Lehre und Lernen an der Bauhaus-Universität Weimar und er leitet die Dozentur für Film- und Medienwissenschaft. Er interessiert sich besonders für die spezifische Praxis der Theorie und für die ostasiatischen Wegkünste sowie die Spaziergangswissenschaft als Perspektive und Methode in Lehre und Forschung.

Mitwirkende: Host: Simon Frisch Sound-Design und Schnitt: Jonas Rieger, Moritz Wehrmann Musik: Sebastian Lederle Artwork: Andreas Wolter Ton und Technik: Steven Mehlhorn, Moritz Wehrmann Marketing und Social Media: Claudia Weinreich, Marit Haferkamp Juristische Beratung: Laura Kister Transkript: Natalie Röhniß Produzentin: Nicole Baron Distribution: Ulfried Hermann, Jonas Rieger

Folgenwebsite: www.uni-weimar.de/lehre-podcast

Weiterführende Links: https://www.uni-weimar.de/de/bau-und-umwelt/studium/master-of-science/natural-hazards-and-risks-in-structural-engineering/fachstudienberatung/

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Transkript anzeigen

Marianna Schröder_Schröder_Transkript

Simon Frisch

Das Mikrofon geht auf und zwei Stimmen treten auf. Die eine, die jetzt spricht, die jetzt zu hören ist, gehört Simon Frisch und ich spreche hier als Vizepräsident für Lehre und Lernen mit dem Interesse an Lehren und Lernen, an Lehrkulturen, Lernkulturen, Lehrerfahrungen, Lernerfahrungen. Und außerdem bin ich schon seit jetzt 1999 glaube ich, war das kann ich jetzt nicht mehr ausrechnen, 25-26 Jahre als Lehrender tätig und habe mich irgendwie intensiv damit beschäftigt, wie das eigentlich gehen kann. Wie kommt man ins Gespräch und so weiter. Und da ist der Austausch sehr wichtig. Heute haben wir wieder ein Gespräch. Ich habe Marianna zu Gast. Als Wer wirst du denn mit mir sprechen?

Marianna Schröder

Ja, ich bin Marianna. Ich bin heute als Studierende da, vordergründig für Philosophie und Biowissenschaften im Bachelor, aber ich bin vielleicht auch als Nicht-Schülerin da und als jemand, zu dem ein Pferd und ein Hund gehören. Das ist auch wichtig beim Thema Lernen für mich. Ja, als die bin ich heute da.

Simon Frisch

Also Nichtschülerin. Heiß Was meinst du mit Nichtschülerin?

Marianna Schröder

Dass ich mein Abitur als Nichtschülerin gemacht habe, also ohne zur Schule zu gehen, ganz alleine und nur die Prüfungen an einer Schule gemacht habe. Also ich habe eine bewegte Bildungsbiografie, würde ich sagen, habe mit 16 das Gymnasium abgebrochen mit so einem 10. Klasse Abschluss und habe immer gesagt wenn ich das Abi irgendwann brauche, dann mache ich das einfach. Das war die Erzählung meines Lebens. Dann war ich erst mal lange selbstständig, hab ein Unternehmen gehabt mit Angestellten und Läden und so. Und irgendwann, ich glaube vor zwei Jahren, dachte okay, das reicht mir nicht mehr. Ich möchte noch mal an die Uni gehen. Ich möchte mir dieses Versprechen auch selbst einlösen. Wenn ich Abi machen will, dann mache ich das. Und dann war die Wie kann das gehen? Ich habe 40 Stunden gearbeitet. Ich hatte wirklich keine Kapazität, zur Schule zu gehen und auch wenig Lust, eine Fernschule zu bezahlen. Und dann fiel mir wieder ein, es gibt ja die Möglichkeit, nicht Schülerabitur zu machen. Das heißt tatsächlich so.

Simon Frisch

Ach, das heißt so.

Marianna Schröder

Deshalb schmücke ich mich mit dem Begriff Nichtschülerin.

Simon Frisch

Schöner Begriff.

Marianna Schröder

Dann habe ich dazu recherchiert. Das ist gar nicht so einfach, weil es passiert sehr selten, gerade in Thüringen, aber es ist kostenfrei und Man bewirbt sich beim Schulamt mit einem Formular und einer Liste an Literatur und einem Motivationsschreiben, wie man gedenkt, sich vorbereitet zu haben und muss dann 8 Prüfungen machen, weil man keine Vornoten hat, also deutlich mehr als normale AbiturientInnen das machen müssen.

Marianna Schröder

Das heißt, ich wusste, ich komme auch nicht um Mathematik drumrum.

Simon Frisch

Kommt man sonst, weiß ich nicht.

Marianna Schröder

Ja, kommt man. Man kann ohne Matheprüfung, also man muss schon irgendwie da Unterricht nehmen, aber man muss keine Prüfung schreiben. Und dann habe ich die Lehrpläne gelesen tatsächlich, um rauszufinden, was braucht es dafür und habe angefangen zu lesen und habe mir Menschen um mich gescharrt, die sich mit den jeweiligen Themen beschäftigen. Ich dachte, es ist hier ein Gemeinschaftsprojekt. Ich brauche Leute, die Expertinnen sind auf dem einen oder anderen Gebiet, um mit mir gemeinsam da durchzugehen. Und dann wurde ich einer Schule zugeteilt, relativ knapp vor den ersten Prüfungen, ich glaube sechs Wochen vor den Prüfungen, den schriftlichen, und durfte da mal hin, hab die LehrerInnen, die mich in den vier mündlichen Prüfungen geprüft haben, zur Hälfte kennengelernt, mit denen mal so ein Vorgespräch gehabt und dann bin ich ganz normal mit den AbiturientInnen des Jahrgangs in die Prüfungen gegangen und habe diese Prüfungen geschrieben und bin dann in die mündlichen Prüfungen gegangen und paar Wochen später hatte ich Abitur.

Simon Frisch

Also Wahnsinn. Das heißt, du buchst nur Prüfungen, so könnte man es zusammenfassen und den Rest musst du einfach selber machen.

Marianna Schröder

Den Rest mache ich selber. Und es gibt ja auch, also es gibt ja diverse Möglichkeiten, ein Abitur nachzuholen. Es gibt diese Möglichkeit, drei Jahre, glaube ich, an der Fachhochschule so einen Abendkurs zu belegen. Und ich dachte, das halte ich alles nicht aus. Ich musste es irgendwie auf einem anderen Weg machen. Und dann war es auch so, dass die in der Schule waren sehr irritiert von mir, weil ich war die Erste und LehrerInnen haben, habe ich dann festgestellt, auch so, es ist deren Job, SchülerInnen aufs Abitur vorzubereiten und die strampeln sich dafür ab und geben sich wahnsinnig viel Mühe und trotzdem gelingt es nicht allen und dann kommt eine daher und ja, ich habe mich alleine vorbereitet. Ich glaube, das wird lustig. Das kam zu Teilen gut an, manchmal weniger. Ich hatte einfach wahnsinnig viel Spaß. Es ist eine sehr besondere Erfahrung als erwachsener Mensch in einer Abiturprüfung zu sitzen, weil für die jungen Menschen ist es zu großen Teilen die erste große Prüfung, die sie haben. Es ist so wichtig. Und für mich ist es halt eine von vielen Prüfungen in den letzten Jahren gewesen. Ich wusste, wenn ich das nicht bestehe, dann mache ich es entweder noch mal oder ich mache es nicht und es ändert sich trotzdem nichts. Für mich hing gar nichts dran. Es war einfach nur diese Freude daran, das zu tun und die Idee, an die Uni zu gehen.

Simon Frisch

Das war ja schon im Hintergrund. Also das war wie so das Ticket für die Uni. Habe ich das richtig verstanden? Was brauche ich? Ich will in die Uni. Hallo, haben Sie ein Ticket dabei? Was brauche ich da? Da muss Abitur draufstehen. Wie kriege ich das? OK, dann habe ich halt in einem.

Marianna Schröder

Halben Jahr dieses Abi gemacht.

Simon Frisch

In einem halben Jahr. Du hast dich angemeldet? Ein halbes Jahr später hattest du das Abi.

Marianna Schröder

Genau, ich habe es im Sommer entschieden und im Dezember habe ich angefangen zu lernen. Im Februar hatte ich die ersten Prüfungen oder März.

Simon Frisch

Und du hattest mit der 10. Klasse abgeschlossen. Dann warst du nicht mehr an der Schule. Dann hast du gesagt, ich will jetzt an die Uni gehen. Dann bist du losgegangen. Ein halbes Jahr später hattest du dein Ticket gekauft, nicht gekauft. Du musst es ja gar nicht bezahlen. Und Abendkurse hast du gesagt, das kann ich nicht, weil zu lang.

Marianna Schröder

Ja, langwierig außerdem ist mein Lernen ein sehr intuitives, würde ich sagen. Ich konnte mich halt vergraben in die Themen. Okay, heute bin ich aufgewacht und habe richtig Bock auf Fotosynthese und dann gibt es halt eine Woche Photosynthese und ich war so frei darin. Meine Partnerin hat immer Boah, du warst nie so ausgeglichen wie in der Zeit, als du voll gearbeitet hast und Abi gemacht. Weil immer alle gefragt Ist es eigentlich hart für dich, mit so einer Abiturientin jetzt zusammen zu sein? Weil viele also durchdrehen in den Prüfungen. Bitte lass es nie aufhören.

Simon Frisch

Das ist ja total toll. Also bei vielen Abiturientinnen und Abiturientinnen, die in der Schule sind, ist das ja viel anstrengender, viel stressiger. Als Eltern weiß ich jetzt Kinder von Unser Sohn hat gerade Abi gemacht, wo man der macht jetzt gerade Abis, ist voll stressig. Oder unsere Tochter BLF steuert drauf zu Druck, Druck und so. Du nicht, ich nicht, du hingegen nicht. Dann kann ich mir vorstellen, dass Lehrer, Lehrerinnen damit mitunter irgendwie Schwierigkeiten haben. Und du hast es schön geschildert, es. Sind wahnsinnig schöne Dinge passiert. Mit der Kunstlehrerin bin ich beim Vorgespräch total aneinandergerasselt. Die konnte das gar nicht begreifen. Die war so da kommt eine von der Straße und sagt, sie macht jetzt Abitur, ich strampel mir hier einen ab. Und ich hab irgendwie gesagt stopp. Erstmal bin ich Marianna von zu Hause.

Simon Frisch

Achso, nicht von der Stadt.

Marianna Schröder

Meine Bildungsbiografie ist total verquer und es war irgendwie ein harter Weg, hier anzukommen und mich irgendwie dem System Schule noch mal zu stellen. Bitte geben Sie mir eine Chance. Dann haben wir diese Kunstprüfung mündlich gemacht. 15 Punkte, wenn ich das mal so sagen darf. Und es war total schön, weil sie hatte mir vorher gesagt, das Schwierigste für Schülerinnen ist es, 15 Minuten frei zu sprechen. Und ich hatte ein sehr dankbares Thema. Ich hatte, Niki de Saint Phalle habe sehr viel. Podcasts gehört tatsächlich in der Vorbereitung, weil ich dachte, das ist schlau, wenn ich mündlich geprüft werde, dann kann ich Sätze lernen, also ganze Gesprächssätze, die irgendwie mit den Themen zusammenhängen. Und dann haben wir eine wahnsinnig schöne Prüfung gehabt und die Dame, die am Anfang sehr anti war, sagte irgendwie am Vielen Dank. Das war eine der schönsten Kunstprüfungen, die ich je hatte. Und ich habe richtig viel Neues gelernt. Und dann konnte ich auch einfach Vielen Dank, dass Sie mir die Chance gegeben haben. Vielleicht ist es für den Nächsten oder die Nächste etwas leichter bei Ihnen ja.

Simon Frisch

Auch über den eigenen Beruf. Das heißt ja nicht, dass man dann überflüssig wird als Lehrer oder Lehrerin. Aber man kann darüber nachdenken, wie nah, also über Betreuungsverhältnis und solche Dinge. Darüber denken wir auch viel an der Universität nach. Also du wolltest an die Universität und dann Philosophie und Biowissenschaft kurz erklären. Vielleicht wissen nicht alle, was Biowissenschaft.

Marianna Schröder

Biowissenschaften, so wie ich das verstanden habe, ist es ein abgespecktes Biologiestudium, also ohne Laborzeiten. Wir haben schon auch Praktika, aber es geht vor allem um diesen theoretischen Background. Ich habe mich bei meiner Studienwahl Was sind die Probleme unserer Zeit und mit welchem wissenschaftlichen Hintergrund kann ich dazu beitragen, sie zu lösen? Die Antwort Naja, es sind klimapolitische Fragen, es sind Umweltfragen, es sind aber auch soziale und philosophische Fragen, denen wir uns stellen müssen. Und dann war es relativ klar, dass es diese Kombi braucht. Es ist eine sehr ungewöhnliche Kombi. Ich bin tatsächlich jetzt in drei Semestern an der Uni erst einer Person begegnet, die die Kombi studiert.

Simon Frisch

Ach so, das ist ja noch spannend.

Marianna Schröder

Ich finde es total logisch. Für mich war es einleuchtend, das so zu tun, weil ich wollte gerne anders denken lernen und gleichzeitig aber auch eine wissenschaftliche Absicherung, was meine Gedanken zum Thema Nachhaltigkeit und Diversität und so betrifft und dachte, das ist schlau. Lustigerweise ein Buch, Es sind immer Bücher, die mich irgendwie weiterbringen und beeinflussen. Von Friederike Otto, der Klimaforscherin, ein Buch gelesen, das heißt Wütendes Wetter. Und in dem zweiten Kapitel, glaube ich, stellt sie ihr Team vor, mit dem sie diese Klimamodelle Sie hat so ein Modell entwickelt, mit dem man berechnen kann, wie viel der Klimawandel Einfluss auf bestimmte Extremwetterereignisse hat oder eben nicht. Und da hat sie ihr Team vorgestellt und unter anderem stellt sie eine Person vor, die die Wissenschaftskommunikation macht, also die Erkenntnisse, die ihr Team hat, übersetzt für Menschen. Und ich habe mich gefragt, wer in diesem Team will ich sein? Und ja, sie auf jeden Fall will.

Simon Frisch

Ich sie sein, die Wissenschaftskommunikation. Das heißt, du hast irgendwie so eine Art Berufsziel schon Tätigkeit.

Marianna Schröder

Ich sage immer öffentliche Intellektuelle, wenn mich jemand fragt, was ich damit machen will, weil dann fragt keiner mehr weiter. Aber eigentlich, also Wissenschaftsjournalismus in diese Richtung würde ich gerne gehen. Mal gucken, was passiert.

Simon Frisch

Ja, es ist sehr einleuchtend, diese Kombination. Das wusste ich nicht. Ich kannte das nicht, dass es das als Kombination gibt. Und du sagst, du bist die erste.

Marianna Schröder

Na, ich habe erst eine andere getroffen. Ich glaube, ab und zu gibt es das.

Simon Frisch

Das heißt, man kann in Jena, du bist in Jena an der Universität, Friedrich-Schiller-Universität, da kann man sich Fächer zusammenbasteln.

Marianna Schröder

Man kann fast alles mit Philosophie kombinieren. Also Philosophie ist mein Hauptfach und im Ergänzungsfach habe ich die Biowissenschaften. Die meisten haben da Psychologie, Soziologie, Politikwissenschaften, sowas. Das ergibt auch Sinn, weil sich viele Dinge natürlich überschneiden. In der Biologie bin ich erst mal ganz woanders, habe Kommilitonen, die ganz andere sind und hab natürlich einen krassen Workload, weil es einfach viel Auswendiglernen ist, weil es sind die, die Philosophie nicht berühren erstmal auf den ersten Blick, gerade in den Grundstudien.

Simon Frisch

Aber andererseits ist das irgendwie merkwürdig klassisch und hat uns letztlich nie weitergebracht, dass wir Politik mit Philosophie verbinden, Soziologie und so weiter, weil wir die Lebensvorgänge, also die Biologie irgendwie dann das Wetter und so weiter, alles gar nicht verstehen als Politikerinnen, Politiker und so weiter. Insofern finde ich das sehr einleuchtend und im Grunde auch sehr zeitgemäß. Wir haben ja auch Philosophinnen, vor allem die aus der Biologie kommen und dann Philosophinnen geworden sind, sehr prägend fürs Denken. Donna Haraway ist ja da auf jeden Fall eine Berühmtheit, also eine ganz große Prominenz, aber es gibt ja viel mehr. Also das leuchtet total ein, finde ich sehr schön gerade das wusste ich nicht, dass man sich sozusagen das so ein bisschen selber zusammenbastelt kann. Mit Ergänzungsfach heißt es an der Stelle, ist es profiliert oder suchst du dir selber, Also könntest du auch und jetzt will ich mal ein Semester im Labor verbringen.

Marianna Schröder

Es gibt tatsächlich so Wahlmodule. Ich habe jetzt sehr viel Philosophie gemacht in den letzten beiden Semestern, fange jetzt erst so richtig mit der Biologie an und ich glaube durchaus gibt es die Möglichkeit in der Mikrobiologie auch ins Labor zu gehen. Also ich werde auf jeden Fall in den Botanischen Garten gehen und da ein Praktikum ableisten in der allgemeinen Botanik und so solche Sachen.

Simon Frisch

Ja eigentlich, also hier in Weimar ist ja Goethe auch dauernd in Gärten und so weiter gegangen und war auch an den Universitäten auch in den Laboren und so weiter und hat dann aber nicht um Biologe zu werden, sondern um eben seine Philosophie weiter zu betreiben, so könnte man sagen, oder seine Literatur, das ist ja schön. Und er war ja auch ein öffentlicher Intellektueller.

Marianna Schröder

Und ich glaube, das entspricht eigentlich sowieso meinem Lernen, dieses Dinge verbinden, die erstmal nicht zusammengehören und irgendwie umhergehen und ah, ich habe eine neue Perspektive auf etwas wurde mir gezeigt und jetzt kann ich etwas, was mir vorher gar nicht dazugehörig erschien, plötzlich erfassen. Also ich habe in Vorbereitung auf dieses Gespräch mich viel mit der Frage wie kann ein gelingender Lernprozess visualisiert werden.

Simon Frisch

Visualisiert. Okay, warum visualisiert?

Marianna Schröder

Also wie kann ich denen erklären, wie es sich anfühlt? Wie kann ich das beschreiben?

Simon Frisch

Das muss ich noch mal wiederholen, wie es sich anfühlt. Das gefällt mir. Ein Lernprozess. Also über etwas Wie fühlt sich dieses Wissen an? Habe ich das richtig?

Marianna Schröder

Also dieser Prozess, wie der gelingt? Wie kann ich jemanden, der das vielleicht so nicht empfindet, wovon ich ausgehe, weil wir irgendwie alle sehr unterschiedlich empfinden, wie kann ich das erklären mit einem Bild, was für mich passt und trotzdem eine Übersetzungsleistung birgt?

Marianna Schröder

Und dann waren wir im Sinfoniekonzert. Klar, wir wohnen in Weimar. Dann waren wir im Sinfoniekonzert und ich gehe immer ins Sinfoniekonzert mit einer Frage, weil ich festgestellt habe, ich kann da sehr gut denken, weil der Raum so konzentriert ist. Also alle sind auf der Bühne so konzentriert, die Leute im Publikum sind so konzentriert und es ist so viel Platz zum Denken. Bin also mit dieser Frage rein und dann saß ich da und in der zweiten Hälfte, so im dritten Akt, kurz vorm Finale, alle waren schon völlig fertig. Es gab eine grandiose Dirigentin. Ich habe noch nie jemanden mit so viel Esprit dirigieren sehen, habe ich Der Podcast heißt zwischen Magie und Handwerk. Nichts unterscheidet diese Dirigentin gerade von jemandem, der in einem Magier Duell steht. Mit ihrem Zauberstab könnte sie genauso gut Professor McGonagall sein. Vielleicht ist ein Bild für einen gelingenden Lernprozess für mich ein Sinfoniekonzert. Meistens hat man diese vier Akte. Der erste, wenn man es auf ein Semester betrachtet, der erste ist irgendwie so heiter und froh in C Dur, kommt irgendwie ganz schmissig daher. Das ist irgendwie für mich der Moment, in dem die Neugier geweckt wird, in dem jemand daherkommt und Guck mal, ich kann euch was zeigen, ob es jetzt die Grundlegung der Metaphysik, der Sitten ist oder irgendwas anderes, was ihr noch nicht kennt. Die Begeisterung kommt auf. Dann kommt der zweite Akt. Das ist der Moment, wo es irgendwie hart wird. Die Instrumente kämpfen miteinander, es wird teilweise dissonant, es ist anstrengend, man leidet so ein bisschen. Das ist der Moment, in dem man denkt, ich kann es niemals. Ich weiß nicht, das geht nicht in mein Gehirn rein und Dann kommt der dritte Akt, der hat irgendwie so einen tänzerischen Charakter. Es wird wieder leichter, es wird wärmer im Raum. Das ist für mich der perfekte Augenblick, um die Prüfung zu schreiben. Ah ja, weil dann sind die Sachen so langsam angekommen. Man kann darüber sprechen, man kann darüber schreiben vielleicht sogar und hat eine gute Energie, weil man diesen zweiten Akt schon überstanden hat. Die Erleichterung, dass der zweite Akt geschafft ist und der vierte, das große Finale, wenn alle richtig fertig sind, aber die Themen aus dem zweiten noch mal aufgegriffen werden, es noch mal so richtig rund geht, laut wird, aber auch leise bleiben darf. Das ist für mich der Moment, wenn das Semester zu Ende ist, man so sich mit anderen Dingen beschäftigt und plötzlich das Wissen anwenden kann.

Simon Frisch

Also nach den Prüfungen.

Marianna Schröder

Nach den Prüfungen ist es für mich, also wenn es sich verbinden darf.

Simon Frisch

Ja, OK. Für all das, was du lernst, für deine ganze Lernbiografie und so weiter, was gibt dir da die Universität?

Marianna Schröder

Ja, das frage ich mich auch immer wieder.

Simon Frisch

Ja gut, sehr gut. Und was findest du für Antworten und was auch nicht? Also das wirklich.

Marianna Schröder

Ich finde auf jeden Fall Anstöße. Also ich habe mich mit Themen beschäftigt, mit Fragen beschäftigt, mit denen ich mich sonst zumindest jetzt zum Zeitpunkt noch nicht beschäftigt hätte. Das finde ich immer wieder sehr aufregend. Das ist glaube ich einer der Hauptpunkte, dass es macht, dass ich wieder in irgendwelche Hasenlöcher reinfalle und plötzlich lange über Descartes Meditation sitze. Und aus dieser Perspektive könnte man es also auch betrachten. Natürlich gibt es einem die Sicherheit oder mir zumindest, dass das Denken einen Rahmen hat, Also dass es erlaubt ist, so herumzugehen und einfach nur zu denken und dass Arbeit sein darf, dass finde ich sehr beruhigend immer wieder. Also wenn ich 10 Stunden lese, dann hat es wie einen anderen Wert, weil ich es für die Uni tue oder im Unikontext. Das finde ich total schade, aber es.

Simon Frisch

Ist so ganz wertvoller Gedanke. Ja doch, das leuchtet mir sofort. Ein wichtiger Punkt.

Marianna Schröder

Und was kommt also? Ja doch, ich glaube, das sind die Hauptpunkte tatsächlich Universität, weil sonst ich erlebe immer wieder tatsächlich brillante Menschen, die rhetorisch toll sind oder auch witzig sind und ich denke, aha, okay, so könnte ich vielleicht auch ein bisschen werden.

Simon Frisch

Also Role Models irgendwie ein bisschen schon.

Marianna Schröder

Was es mir nicht gibt. Auf der anderen Seite. Genau, ich bin immer wieder jetzt Jedes Semester aufs Neue ist mir schon wieder passiert, dem Irrglauben aufgesessen, dass ich dorthin komme und alle sind wie ich. Das ist ja sowieso Quatsch, weil mich gibt es ja nur einmal. Aber ich denke, die haben so Bock da drauf und es ist irgendwie für alle so aufregend, in der allgemeinen Botanik zu sitzen oder so und stelle ah, da sind viele Leute, die gerade direkt von der Schule kommen, natürlich an einem anderen Punkt in ihrem Leben stehen, sich vielleicht auch noch nicht so intensiv mit Lernen beschäftigt haben, dass es für die erstmal eine Fortsetzung von Schule ist.

Simon Frisch

Ja, erlebe ich als Lehrperson auch oft.

Marianna Schröder

Darum geht, Prüfungen zu bestehen und nicht darum geht, zu verstehen, was da eigentlich vor sich geht und wie krass das ist.

Simon Frisch

Also ja, schöne Worte gehört, wie krass das ist, dass das so krass sein kann. Und warum nutzen die das nicht? Warum merken die das nicht? Warum wird das nicht so richtig krass? Warum werden die nicht auch alle krass so ein bisschen.

Marianna Schröder

Ja, total. Und dieses riesige Geschenk, was für mich lernen ist oder das auch einfach zu dürfen, jetzt an die Uni gehen zu können und so, da fehlt es mir manchmal so an Wertschätzung und auch an ForscherInnengeist. Vielleicht wird es besser mit den Jahren, aber ansonsten bin ich, ich bin, glaube ich, einfach eine aufbrausende Persönlichkeit. Ich gehe aus Veranstaltungen raus und habe entweder wahnsinnig gute Laune und muss dringend darüber sprechen oder ich habe wahnsinnig schlechte Laune und muss auch dringend darüber sprechen. Das passiert schon immer wieder, dass ich auch da sitze, manchmal verzweifelt. Und wo, das hätte man doch anders gestalten können. Oder wie kann es sein, dass ich so lichterloh brenne und dann in der Vorlesung sitze und merke, wie Minute für Minute meine Begeisterung kleiner wird. Das ist der schlimmste Fall, dass ich das Gefühl habe, hier wird wegen Brandgefahr alles an Begeisterung gelöscht.

Simon Frisch

Ah ja, schönes Bild auch. Wir haben das ja auch immer wieder mal, oder ich hatte es in dem Vorbereitungstext, also die Metapher für die Lehre, ob es eben ist.

Marianna Schröder

Für mich ist es auf jeden Fall eine Flamme.

Simon Frisch

Brennen, befüllen oder sprudeln.

Marianna Schröder

Und natürlich auch wieder die Frage, wenn man irgendwie mit DoktorandInnen spricht oder so, die ja eigentlich hellst in Flammen stehen müssten, weil sie gerade forschen dürfen im besten Fall zu einem Thema, was ihnen am Herzen liegt und was dann von den Strukturen irgendwie so ausgemacht wird, dass sie einfach nur noch fertig sind. Das schockiert mich dann auch immer wieder.

Simon Frisch

Das ist eine interessante Beobachtung und eine schöne Beschreibung. Die Flammen werden alle so klein gehalten. Das ist ja so eine Erfahrung, die du jetzt machst nach drei Semester Studium an einer Universität. Das ist jetzt die Friedrich-Schiller-Universität, aber ich glaube, das ist überall so. Also da bin ich jetzt auch nicht unbedingt überrascht. Wir denken da alle drüber nach eigentlich. Die Universitäten insgesamt denken darüber nach, weil ich sagen würde, das will keiner. Das würde ich jetzt schon mal so sagen. Also alle Leute, mit denen ich hier spreche, aber auch wenn ich rausgehe, also außerhalb, ich spreche ja hier sehr viel mit Leuten aus der Bauhaus Universität, aber auch mit anderen Kolleginnen und Kollegen. Das will keiner und trotzdem beobachten. Also die Diagnose ist ähnlich. Das ist merkwürdig. Ich wollte jetzt noch mal aber zurückgehen an einen anderen Punkt. Vielleicht können wir das auch hier gar nicht lösen. Aber es ist schön, dass wir es hier haben, Aber ich wollte an einen anderen Punkt mit den Hasenlöchern. Wie fällst du da rein? Wie findest du die? Ist das die Metapher? Also aus Alice im Wonderland, man landet in einem Wunderland, was ich sehr schön finde. Also als Idee. Die Universität bietet Hasenlöcher an, in die man fällt und in denen wird man groß, klein, findet nicht weiter, kommt irgendwie eine Kartenkönigin und weiß ich nicht was und dann sitzt da Humpty Dumpty auf der Mauer und das ist alles what? Ich komme überhaupt nicht und gleichzeitig faszinierend, dann kommt ein Hase, dauernd ist alles zu spät. Also ist sehr weitreichende Metapher. Muss ich nochmal Alice Woller lesen, ob man so an der Uni Semester für Semester vorankommt. Wie findest du diese Hasenlöcher?

Marianna Schröder

Ich hab echt, glaube ich, Luxusprobleme mit meinem Gehirn. Es ist irgendwie so, ich sitze in der Vorlesung, bin angetan vom Dozenten, vielleicht vom Thema gar nicht so sehr, aber dann denke oh krass, was hat denn der geschrieben? Und dann besorge ich mir Bücher und dann fange ich an, über dessen Forschung zu lesen.

Simon Frisch

Und das ist das Hasenloch.

Marianna Schröder

Und dann hänge ich da auf einmal drin, obwohl ich vorher ja keine Ahnung, verstehe oder es ist irgendwie keine Ahnung, jemand sagt einen Satz. Also es ist immer sehr wortfixiert bei mir. Jemand sagt einen Satz und ich dieser Satz was kann man damit machen? Und dann fange ich an zu zeichnen oder fange an zu schreiben oder fange an zu recherchieren, höre eben auch ganz, ganz, ganz viel Gespräche oder kriege so eine Definition von Freiheit um die Ohren geschlagen in der Vorlesung und denke okay, wer hat denn aktuell über den Freiheitsbegriff nachgedacht? Und auf einmal hänge ich bei Eva von Redeker fest und lese und lese und höre und gucke und guck irgendwie einmal das Internet leer.

Simon FrischDeswegen finde ich da immer die. Sehr schön. Also wenn ich das nochmal so hast du dein Abitur ja eigentlich auch organisiert. Du hast dich angemeldet für Prüfungen und hast dir dann eigentlich Du hast dir selber eine Universität organisiert, wenn ich das richtig Du hast Expertinnen und Experten geholt, Quellen gesucht, alles gelernt und so weiter. Im Grunde das, was eigentlich die Universität ja von sich aus so anbietet. Hier sind Angebote, Such dir was, grab dich ein Fall in Löcher, was die Schule eher nicht denkt. Deswegen kommen die Lehrer da, diejenigen, die mit ihrer Rolle in Schwierigkeiten kommen. Und tatsächlich an der Universität denken wir eben auch immer wieder über Betreuung nach. Wie wichtig sind wir eigentlich als Lehrpersonen? Wir sind da irgendwie da, aber vielleicht sind wir nur dafür da, um Deckel wegzuziehen von Hasenlöchern an bestimmten Stellen und dann Pfade zu organisieren, Exkursion und ab und zu mal verschwindet eine der der Person aus der Kohorte in einem Hasenloch und dann stimmt's.

Marianna Schröder

Für mich tatsächlich ein wichtiger Aspekt im Lernen des Schwänzen. Ich muss gestehen, ich dachte immer, wenn ich irgendwie mal an die Uni gehe, dann werde ich da immer sein. Es stellt sich Nein, was ich ein bisschen schade finde, aber ich brauche so viel Zeit, die Dinge zu begreifen und gleichzeitig manchmal weniger. Also dass ich irgendwie 60 Folien in 15 Minuten machen kann, ist auch so, musste ich lernen. Und dann hadere ich auch damit, weil ich mir Das kann eigentlich gar nicht sein, Aber so ergibt sich das und das ist irgendwie schade. Gleichzeitig denke Ja, aber ich weiß ja, also ich habe manchmal diesen Satz im Kopf, den ich in der Schule immer gehört Nur wenn Leute zur Schule gehen, können sie Abitur machen und dann glaube ich denen und sag mir aber ne Schätzchen, du hast Abitur gemacht, ohne zur Schule zu gehen, Du weißt es doch. Aber trotzdem kommt immer mal wieder diese Idee, es gibt diesen einen Weg, wie man studieren sollte. Das heißt da irgendwie zur Vorlesung gehen. Dann beobachte ich teilweise meine Kommilitonen und naja, aber nur weil die jetzt hier sitzen, heißt es nicht unbedingt, dass die 90 Minuten wahnsinnig viel aufgenommen haben. Vielleicht ist es okay, es anders zu machen. Das ist schon was, womit ich ringe immer wieder. Aber ich glaube, das hört nicht auf.

Simon Frisch

Ich glaube, das kann man aus einer Universität eben machen. Also so wie du Abitur gemacht hast, ist idealerweise ja die Universität. Man sucht sich da Leute, mit denen man gemeinsam, die heißen ja Kommilitonen, also Mitstreiter, Mitstreiterinnen, mit denen man gemeinsam bestimmte Themen bepflügt, beackert, bepflanzt, durchquert, durchreist, so weiter und so weiter. Und das ist wirklich interessant. Also die Erfahrung, dass dann das Schwänzen ist ganz ähnlich. Meine Studienbiografie war ganz ähnlich. Ich habe im Schwänzen immer sehr viel gelernt, bin vor der Uni abgebogen, dann sind wir in irgendeinem, haben viel auch mit Kunst, aber Philosophie, also waren halt ähnliche Dinge. Und dann haben wir dann gesagt, wenn wir zu dritt hier sitzen und über was weiß ich, Hegel war es in dem Fall oder so jetzt reden, haben wir glaube ich mehr, als wenn wir da ein Referat von irgendeinem Kommilitonen hören. Es gibt auch gute, so ist es nicht. Aber die Erfahrung war halt unterschiedlich kalkulierbar und auch unterschiedlich kalkulierbar. Aber dieses Bandenbilden, ich glaube, das ist irgendwie was, was ich in letzter Zeit häufiger habe, diese Idee, dass man Banden bildet und die Uni bildet den Rahmen dafür. Jetzt hast du natürlich die fantastische Erfahrung, dass du dich einfach nur für Abiprüfungen anmeldest und den Rahmen eigentlich gar nicht brauchst und jetzt aber trotzdem die Uni dir was zur Verfügung stellt, was eben sowas ist wie ein Rahmen.

Marianna Schröder

Ganz viele Hasenlöcher, tolle Erfahrungen. Wir hatten jetzt einen neuen Dozenten und der hat gesagt in seiner Startvorlesung: Ich bin ein Angebot für Sie und ich stehe wahnsinnig gerne vor Ihnen, um über das Thema zu sprechen, für das ich so begeistert bin. Aber Sie werden die Prüfung auch bestehen, wenn Sie sich allein mit einem Buch vorbereiten Ich mache nach jeder, nach jedem Themengebiet eine Vorlesung, wo es nur um Ihre Fragen geht. Wenn Sie sich alleine vorbereiten, können Sie kommen und Ihre Fragen stellen. Wenn Sie keine Fragen haben, kommen Sie nicht. Lernen Sie was anderes. Ich bin ein Angebot. Und das hat das Angebot für mich so köstlich gemacht, dass ich sofort Lust hatte, seine Vorlesungen zu besuchen, weil einfach die Bedingung der Möglichkeit für mich dorthin zu gehen, so viel schöner war, als wenn jemand Ja, ich mache das hier und Sie müssen, Sie müssen.

Simon Frisch

Das ist schön, dass wir gerade über das Format Vorlesungen, du hast es so betont, sprechen. Es gibt ja auch Seminare und so weiter. Was taugt dir am meisten?

Marianna Schröder

Ich liebe Vorlesungen. Ich finde das ganz großartig. Meine Mitschriften sind immer sehr Zitat fixiert. Damit kann wahrscheinlich niemand lernen, außer mir. Aber ich kann so gut an Sätze dann Gedanken festmachen, die ich hatte oder dann irgendwie so ganze Filme wiederholen.

Simon Frisch

Du schreibst ganze Sätze mit.

Marianna Schröder

Ich schreibe ganze Sätze mit, die gar nicht unbedingt mit dem Thema zusammenhängen, sondern eher so anekdotisch.

Simon Frisch

Anekdotisch mit Ach so, was heißt das? Wie kann ich mir das vorstellen?

Marianna Schröder

Wenn zum Beispiel hatte ich letztens eine Vorlesung. Es gibt ja oft in der Philosophie den Moment, wo jemand Stellen Sie sich ein Auto vor und das passiert einfach immer mal wieder. Und dieser Dozent hat aber gesagt stellen Sie sich ein Auto vor, rot, flach, schnell.

Marianna Schröder

Und es hat tatsächlich alles in diesem Raum verändert, weil wir alle das annähernd gleiche Auto gesehen haben. Und das sind Momente, die ich mitschreibe. Dann steht da in meiner Aufzeichnung zum Thema weiß ich nicht, Pragmatismus, rot, flach, schnell. Und dann weiß ich, was passiert ist, weil ich mich an diesen Moment anknüpfen kann.

Simon Frisch

Bist du selber auch schon lehrend tätig gewesen in irgendeiner Form? Hast du schon Referate oder hast du solche Erfahrungen wie Ich vermittle jetzt Wissen?

Marianna Schröder

Also ich komme aus dem Theaterkontext und auch aus dem Radiobereich und habe viel so Workshops gegeben, habe auch inszeniert mit Jugendlichen und hab eher mit denen gemeinsam Dinge erfunden, Also eher im kreativen Bereich. Vor der Uni schrecke ich mich noch so ein bisschen, weil ich immer Das sind alles Formate, also auch diese Seminarformate, die Tutorien, das hat mir bisher alles noch nicht entweder noch nicht gepasst oder ich dachte so okay, wenn das so laufen soll, dann bin ich, glaube ich, nicht die Richtige. Man könnte natürlich ja dann erst recht. Das wäre auch, Aber diese Motivation konnte ich in mir noch nicht finden. Aber natürlich bin ich an. Also dieses Studium, unter anderem habe ich es angetreten, um einen Master zu machen, einen Doktor zu machen und irgendwann eine Professur zu kriegen, weil das Ziel nach dem Ziel irgendwie das Ziel sein soll, dem dann so ist. Weiß ich nicht.

Simon Frisch

Die Ticketlogik ist weiterhin wirksam.

Marianna Schröder

Das finde ich irgendwie total witzig, weil ich mir das immer sagen kann, wenn ich in so Prüfungen Das ist eine von 100 die noch kommen und dann verliert irgendwie alles seinen Schrecken.

Simon Frisch

Ja, tolle Strategie, weil für manche ist es ja jetzt die Prüfung des Lebens, Danach lauert nur der Tod. Also so ein bisschen wie so eine Grad, ich stürze ab oder nicht oder überlebe das hier.

Marianna Schröder

Aber das habe ich tatsächlich beim Reiten gelernt. Du bist ja auch Reiter beim Springen, weil meine Reitlehrerin immer gesagt Du darfst nicht auf das Hindernis gucken, du musst immer aufs Nächste schauen, sonst kommt ihr da nicht drüber, sonst wird dieses Hindernis zur Wand. Und ich dachte ah ja, klar, ich muss aufs Nächste schauen und dann wieder aufs Nächste. Ich gucke nie auf das, was da kommt, sondern immer das, was als übernächstes kommt.

Simon Frisch

Das Ziel ist nicht, da drüber zu kommen, sondern zum Nächsten. Deswegen muss ich hier jetzt halt rüber.

Marianna Schröder

Richtig, genau. Und dann ist es egal, wie hoch das ist. Und das hat mir total geholfen, überhaupt immer wieder. Ich habe natürlich den großen Luxus, als doch schon recht erwachsener Mensch. Also ich bin so alt wie du jetzt Lehre an der Bauersuni machst und hab diese Tiere, Ich hab einen Hund, ich hab ein Pferd und habe mit denen immer wieder die Erfahrung machen dürfen in den letzten Jahren, elf Jahren, dass Entwicklung immer möglich ist.

Simon Frisch

Kannst du das beschreiben? Das ist wirklich interessant mit Tieren jetzt.

Marianna Schröder

Also das ist so ein fester Grundsatz, mit dem ich auch lerne, auch wenn ich davor stehe und denke, das geht nicht. Also zum Beispiel, ich hatte ein ziemlich crazy Pferd gekauft, was irgendwie, als ich es bekommen habe, Menschen verprügelt hat, gebissen hat, mit dem kaum etwas möglich war. Und dann haben wir uns so miteinander abgearbeitet und irgendwann stand ich da und hab das gestreichelt und es hat nicht gebissen. Ich Krass, das ist etwas so Normales, wenn man über Pferde und Menschen nachdenkt. Für uns ist es eine ganz, ganz krasse Entwicklung und offensichtlich ist es möglich. Oder mein kleiner Hund, der irgendwie nie Wir dachten, der kann niemals am Fahrrad laufen. Und dann haben wir gedacht, dann geben wir ihm auf. Und irgendwann habe ich es noch mal versucht, 5 Jahre später, und auf einmal konnte sie das Ah ja, krass. Wenn der Raum für Entwicklung da ist und immer wieder mal so eine Anfrage Ist es jetzt vielleicht so weit? Oder kann ich das noch mal anders fragen, damit du begreifen kannst, was ich meine, dann kann das gehen.

Simon Frisch

Eine Frage der Haltung Ja, dann können wir über Gelingen und Scheitern sprechen. Das interessiert mich nämlich noch. Gibt es diese Kategorien für dich oder was? Total sind das für Kategorien? Erzähl mal.

Marianna Schröder

Total Scheitern ist, glaube ich, eine Sache, mit der ich mich sehr intensiv auseinandersetzen musste im Dropout aus der Schule, weil ich feststellen musste, es ist nicht mein Intellekt, aber es ist das System, an dem ich wirklich krachend scheitere. Und ich habe gekämpft, aber es hat nichts genützt. Und mich damit abzufinden zu okay, ich bin jetzt daran erstmal gescheitert, aber ich habe etwas ganz anderes gewonnen, nämlich eine total neue Freiheit. Das ist, glaube ich, einer der ersten auf Lernen bezogene Scheitern Erfahrung. Dann habe ich habe eine große Leidenschaft fürs Schreiben, stelle jetzt in der Uni Ja, das wissenschaftliche Schreiben ist doch ein ganz anderes Schreiben.

Simon Frisch

Ah ja, okay.

Marianna Schröder

Ja, ich bin also mit großer Inbrunst in einem Argumentieren und Schreiben Kurs, versuche irgendwie zu checken, wie man sich an diese ganzen Regeln halten kann, wie das formatiert sein muss. So Sachen, wo ich von anderen Studenten höre: Ach so, formatieren und dieses feste Geländer, was es gibt, das gibt mir total viel Halt. Das hilft mir überhaupt zu schreiben. Und ich sitze da und denke, ich kann das nicht, kann das nicht, kann das nicht. Und bin dann auch die Einzige, die irgendwie beim Abgeben die Rückmeldung Ja, das müssten Sie schon noch mal machen, weil ich nicht klinge wie die anderen häufig. Und dann saß ich wirklich da. Ich war so verzweifelt. Ich war so verzweifelt, weil ich war wirklich glücklich mit meinem Essay und es wird nichts werden. Ich saß da und habe versucht, Sätze zu kopieren. Von meinen Mitstudierenden, weil ich dachte, okay, so soll das klingen. Und dann bin ich wie 30 Sekunden weg und plötzlich steht da wieder was ganz anderes. Habe ich irgendwann der Dozentin geschrieben, gesagt, es tut mir total leid, ich arbeite mich jetzt an diesem Essay ab, seit es gibt die 230. Version und es gelingt mir einfach nicht so zu klingen, wie ich glaube, dass ich klingen soll. Ich glaube, ich sollte das mit der Philosophie lassen. Woraufhin Sie mir dann sagte: Nee, nee, nee, nee, ich glaube, das kann Ihnen schon gelingen. Ich möchte auch gar nicht, dass Sie klingen wie die anderen. Ich würde Sie gerne hören, aber damit Sie in diesem universitären Kontext nicht untergehen, müssen Sie sich ein Stück weit anpassen, müssen Sie Ihr Schreiben ein Stück weit anpassen, zumindest in Hausarbeitskontexten. Machen Sie in Prüfungen, was Sie wollen, machen Sie in mündlichen Prüfungen alles, was Sie wollen, aber irgendwie müssen Sie sich dieser Struktur zumindest ein wenig ergeben. Und das ist tatsächlich, da habe ich immer wieder das Gefühl, dass ich es einfach nicht kann.

Simon Frisch

Das ist ziemlich interessant, weil also auch schon wie wir über die Schule sprechen, das gleitet nicht ab in so ein Schulsystem Bashing, sondern es ist immer eine Wie kann es gehen, dass ich auf der einen Seite mich nicht total eingliedere und dann bin ich halt Teil davon und selber gar nicht mehr da. Oder wie kann es gehen, dass ich an diesen ganzen Prozessen mitmache, aber als die, die ich bin.

Marianna Schröder

Genau, es ist ein Aushandlungsprozess.

Simon Frisch

Ja, das ist eine sehr schöne Haltung. Ich glaube, das ist auch die Haltung eben, dass man den Hund dann nicht so lange austauscht. Das wäre ja auch die Möglichkeit, bis man einen hat, kann der am Fahrrad gehen. Ja, OK, dann liebe ich ihn. Sondern wir handeln das aus. Wir haben Zeit und vielleicht erleben wir es nicht mehr, aber eines Tages wäre es gelungen, aber vielleicht sind wir vorher halt einfach gestorben oder so. Und also wir handeln das aus und finden dann eben dazu, dass wir werden können, aber uns auch verändern können aber vielleicht auch in dem System einen Raum aufmachen, zu dem sich dann Also das kann ja auch eine Anziehungskraft entfalten. Also ich möchte ein bisschen auch, weil darüber wir Lehrendenseits natürlich auch sehr viel nachdenken und wir denken aktuell eben darüber nach, wenn es Texte gibt, die so geschrieben werden müssen. Das kann ja jetzt auch ein generativer Textgenerator relativ relativ solide inzwischen schon. Und ich fand das schön einen Satz, den du gerade gesagt hast von deiner, ich sag mal, Lehrerin. Ich möchte sie hören. Das ist, glaube ich, ein sehr entscheidender Satz an der Stelle. Ich möchte sie hören. Man muss dazu, also man muss irgendwie dazu passen, weil es einfach schwierig ist, wenn man so krass andere Sprachen spricht. Also sich in den Texten dann zu orientieren. Ich glaube, das macht schon Sinn, dass die Communities sich bilden und irgendwie zueinander gehören. Gabel links, Gabel rechts und so. Sonst weiß man immer nicht, wo steht denn jetzt und so und was kommt der Reihe nach? Und das ist, glaube ich, die Orientierung, die wir haben in unseren Disziplinen. Also im Sinn von das sind Schreibstile und gleichzeitig geht es dann aber immer wieder und alle haben eine Sehnsucht danach, dass plötzlich jemand völlig anders schreibt und daraus hervorgeht. Und ich glaube, das ist dann auch also eine Haltung, glaube ich, kann ich zu was entwickeln, was ich kenne. Wäre jetzt eine These, würdest du mitgehen?

Marianna Schröder

Tatsächlich. Also mir hat dann irgendwann jemand Was haben denn die ganzen großen Denkerinnen gemeinsam aus den letzten Jahrhunderten, Jahrtausenden? Ja, die haben merkwürdig gedacht.

Simon Frisch

Ach OK.

Marianna Schröder

Und das hat nicht so viel Spaß gemacht, häufig.

Simon Frisch

Das durchzuziehen.

Marianna Schröder

Und dann war irgendwie meine okay, wenn ich jetzt mal davon ausgehe, dass ich merkwürdig denke ab und zu, wie kann es mir gelingen, in einem System zu bestehen, in dem das erstmal nicht gewünscht ist, aber in dem ich trotzdem die bleibe, die ich bin und aus dieser Perspektive spreche und schreibe. Und dann kam irgendwie der Ehrgeiz in mir Ich muss checken, ich muss das richtig verstanden haben, wie dieses Schreiben funktioniert, weil erst dann kann ich mit diesen Regeln irgendwie arbeiten. Ich muss dieses Abitur machen, damit ich an diese Uni gehen kann. Ich muss verstehen, wie argumentative Essays geschrieben werden sollen, damit ich dann sagen Ja, aber ich glaube, ich würde es gerne noch mal anders versuchen. Und das hilft dann irgendwie damit zurechtzukommen, würde ich sagen.

Simon Frisch

Hier finde ich das Wort merkwürdig so schön, weil das natürlich ist würdig, es zu merken oder sich zu merken. Das kann man natürlich auch so rum aufmachen. Und tatsächlich sind ja die meisten Leute, die merkwürdig schreiben, die haben wir uns irgendwie alle gemerkt, so ganz schön Sinn. Also das Schreiben ist es dann. Du bist in der Textdisziplin, ja, aber du arbeitest mit deinen Tieren auch. Also nicht nur das Verbalisierte ist das Ding, ne?

Marianna SchröderIch glaube, mit den Tieren ist irgendwie die große Entspannung, dass es irgendwie ohne Worte funktioniert. Manchmal, wenn ich ausreiten gehe, stelle ich mir auch wie im Sinfonie Konzert eine Frage und nach drei Sekunden habe ich sie vergessen, weil ich nur noch gucke und habe dann irgendwie das Gefühl, okay, das sind die Momente, in denen mein Gehirn sich ausdehnen darf. Ich hab oft so ein Bild, mein Hirn ist ein Hefeteig und sich ausdehnen ausdehnt das Ganze im besten Fall ja, das ganze Hirn, weil irgendwie da viel drin ist. Und das braucht dann irgendwie so Ruhe tatsächlich. Und dafür sind Tiere super, weil die einfach viel Ruhe mitbringen und viel anderes auf einer anderen Ebene. Einfach Bewegung wahnsinnig wichtig zum Lernen. Ich verstehe oft nicht, warum wir in Seminaren sitzen zum Beispiel und nicht zwischendurch irgendwas anderes machen, ein kleines Tänzchen zum Beispiel, weil eigentlich wäre es ja total hilfreich.

Simon Frisch

Interessanter Punkt. Umherlaufen oder sowas.

Marianna Schröder

Für Theaterarbeit kenne ich das irgendwie nur so. Man fängt ja nicht an, mit denen zu arbeiten, ohne irgendwie ein Warm up gemacht zu haben, weil das ist ja Wahnsinn. Wie soll das gehen? Ich muss ja irgendwie mein Gehirn erstmal in meinen Körper kriegen, damit es eine Chance gibt, etwas zu verstehen. Oder ich lerne irgendwie so ganz. Ja klar, ich komme aus der Theaterpädagogik, ich lerne mit Bewegungen. Jetzt für die Logik zum Beispiel habe ich für jedes logische Zeichen eine Körperbewegung, damit ich verstehen kann oder es mir einfach anders merken kann, weil ich kann es mir nicht auswendig merken sonst.

Simon Frisch

Also der Leib ist am Denken beteiligt, könnte man jetzt sagen, würde ich sagen, Was ja viele Philosophen trefflich aufgeschrieben haben und viele Philosophinnen, Philosophen, Philosophen geben das auch trefflich wieder und schreiben es weiter und wiederholen. Aber es ist tatsächlich eine. Was macht die Philosophie eigentlich mit dieser Einsicht, außer sie zu wiederholen? Verbal artikuliert, das ist interessant. Der tanzende Gott und so weiter. Das ist ja alles Nietzsche. Wir sind ja hier in Weimar. Ich war gerade letzten Freitag im Nietzsche Archiv hatten wir eine schöne Einführung auch nochmal in das Denken Nietzsches und so weiter, das so ortsgebunden eben auch ist und situativ und dieses Ganze so unsystematisch spielt ja eine große Rolle für für die Philosophie des 20. Jahrhunderts. Also an der Stelle ist das alles ziemlich anschlussfähig, was dich daran interessiert, was du machst. Das höre ich eigentlich alles. Jetzt wollte ich aber doch noch mal fragen in den theaterpädagogischen Wann scheiterst du? Wie gehst du damit um, wenn das jetzt nicht Du nimmst dir was vor oder wie gehst du damit um?

Marianna Schröder

Erstmal tobe und wüte ich.

Simon Frisch

Auf jeden Fall, das darf ich mir darf ich in die Mitte sortieren und einfach auch mal ausprobieren mit der Gruppe, denen du was beibringen willst?

Marianna Schröder

Achso.

Simon Frisch

Oder gehst du raus?

Marianna Schröder

Dann gehe ich erstmal raus.

Simon Frisch

Zum Toben.

Marianna Schröder

Und Wüten oder hinterher inzwischen, also früher vielleicht. Aber tatsächlich, wenn die scheitern, dann habe ich oft diesen Moment, in dem ich Hey, scheitern ist die Möglichkeit, intelligenter von vorn anzufangen.

Simon Frisch

Ja, das ist schön.

Marianna Schröder

Ich glaube, es ist irgendein Zitat, ich weiß nicht von wem. Ich denke diesen Satz sehr häufig und sage denen dann auch Leute, wir haben jetzt rausgefunden, wie es nicht funktioniert. Aus welcher anderen Perspektive könnten wir jetzt auf die Frage zugehen oder müssen wir gar die Frage ändern? Das ist ja auch kann man häufig machen. Und dann geht es auf einmal ganz leicht, weil niemand hatte die Frage verstanden. Oder wir suchen einfach Fragen zu unseren Antworten. Also die Fragen umzudrehen und zu Hey, wir gucken mal. Oder es gibt Momente, in denen ich glaube, dieses Thema hat heute irgendwie mit niemandem in diesem Raum was zu tun. Hat jemand einen Vorschlag, wie man das anders angehen könnte? Gibt es ein anderes Thema, was hier gerade mehr Resonanz hervorbringt? Dieser Begriff der Resonanz ist für mich ein total wichtiger. Hartmut Rosa hat irgendwann mal gesagt ein Knistern zwischen Mensch und Welt und das möchte ich gerne, wenn ich ins Theater gehe, zum Beispiel, wenn ich ins Sinfoniekonzert gehe. Das sind so Momente, wo ich dieses Knistern mir wünsche. Jemand hat mal gesagt, Theaterwunder passieren. Ich habe wirklich schon viel Theater geguckt in den letzten Jahren und immer wieder, wenn mir das passiert, denke Jetzt habe ich alles erlebt. Wenn es jetzt zu Ende ist, ist es okay, ich habe gerade ich bin endlos glücklich und zufrieden.

Simon Frisch

Ja, ich kenne das auch. Das ist bei mir, das äußert sich in Form von Gänsehaut wie so ein Schauer oder sowas.

Marianna Schröder

Und dieses Knistern zu suchen, da war es sowohl in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen als auch im Denken immer wieder interessant. Ja, schön, Dann taste ich mich irgendwie so herum und wenn das nicht gelingt, dann raste dich halt ein bisschen aus.

Simon Frisch

Ich finde es ganz schön, wie du das entwickelt hast, weil ich habe so oft mit diesem Scheitern, Scheitern als Chance und so weiter, Das sagt sich alles so leicht, Aber eigentlich habe ich das nie verstanden, weil wenn man dann da drin ist, genau, dann will man ja eigentlich erstmal ausrasten oder ich zumindest kenne das genauso. Und diese Scheitern, wie geht das? Und ich habe auch schon mehrere, ich glaube, wir hatten ein paar Podcast Folgen, wo wir das Scheitern dann gemacht haben. Da haben wir immer wieder versucht und manchmal wurde so eine Emphase draus, dann wurde es auch manchmal so wie so ein Dogma. Also Scheitern gibt es ja gar nicht und solche Sachen. Das hat mir dann aber auch nicht eingeleuchtet, weil das stimmt nicht mit meinen Erfahrungen und Empfindungen gegenüber zusammen, dass es Scheitern nicht gibt und solche Dinge. Und wie kann man das, Was ich jetzt sehr schön finde, ist, dass man das mit Antwort und Fragerelationen hält. Also das hast du gerade schön gesagt, dass Scheitern eigentlich eine Ermutigung zum Fragen wird. Also ich kann auf einmal weißt du, jetzt bin ich hier runtergefallen, jetzt frage ich mich mal, ob das hier alles richtig ist.

Marianna Schröder

Total. Zum Thema KI, auch weil du das angesprochen hast mit den Hausarbeiten. Ich hatte natürlich diesen Moment letztes Semester in dem Schreibkurs, in dem ich wirklich verzweifelt war, weil ich nicht wusste, wie mir das gelingen soll. Und dann habe ich gedacht, alle meine Kommilitonen arbeiten bestimmt mit KI. Ich versuche das jetzt auch. Also habe ich, nachdem ich irgendwie 1000 Jahre versucht habe, so ein Kapitel zu analysieren, die KI gefragt, ob sie das für mich tun kann. Innerhalb von 30 Sekunden hatte ich eine Antwort, die eine Milliarden mal besser war auf den ersten Blick, als das, was ich da zustande gebracht hatte. Das hat mich sehr verzweifelt gemacht. Das hat mich wirklich meinen Grundfesten erschüttert, weil ich wofür braucht es mich an dieser Stelle noch? Und dann habe ich gewütet und getobt und habe dann mit vielen Menschen darüber gesprochen und habe okay, das Einzige, was ich tun kann, ist, das öffentlich zu machen, weil den anderen wird es auch so gehen, dass es ihnen vielleicht sagen Sie nicht, es raubt ihnen den Lebensmut. Ich habe gesagt, mir raubt es den Lebensmut, aber irgendein Gefühl wird es dazu geben. Also bin ich ins Seminar gegangen und habe zur Dozentin Folgendes ist mir passiert. Das hat mir den Lebensmut geraubt. Wie sollen wir damit umgehen? Und sie hat dann eine sehr kluge Sache gemacht. Sie hat Wollen Sie das nicht für nächstes Seminar vorbereiten? Und wir besprechen das mit allen. Dann hab ich Na, selbstverständlich will ich das vorbereiten. Ich bin vielleicht nicht zur Textanalyse gemacht, aber ein Seminar, das geht schon.

Simon Frisch

Ah ja, genau so.

Marianna Schröder

Und dann habe ich so gemacht, dass ich die Antworten von KI und meine Antworten gegenübergestellt habe und mit dem Kurs gemeinsam Leute, ich habe das hier vorbereitet, weil folgendes war mein Drama und ich würde gerne mit euch gemeinsam das analysieren und wenn wir können die Antworten von KI belegen mit Textstellen oder widerlegen oder Ergänzungen machen, was auch immer wir damit tun, aber damit arbeiten. Und zum Schluss habe ich KI eine Frage gestellt, die witzigerweise Also ich habe gefragt, warum argumentiert XY mit einem rosa Kaninchen? KI hat gesagt, er nutzt das rosa Kaninchen, um auszudrücken, dass meine Antwort Es gibt kein rosa Kaninchen, Weil ich dachte, ich brauche eine Frage, die ich intelligenter beantworte als die Maschine, um irgendwie zu Hey, guck mal, ein kritischer Blick ist immer noch die Perspektive, die wir einnehmen können. Und wenn ich jetzt mit KI arbeite, gerade wenn ich kreativ arbeite, dann tue ich das nur, um Fragen zu stellen, von denen ich weiß, die kann es mir nicht. KI kann ganz schlecht reimen, zum Beispiel um Fragen zu stellen, bei denen ich weiß, da werde ich sehr viele schlechte Antworten bekommen. Und das gibt mir dann neuen Mut weiterzugeben. Jetzt 30 Antworten, die finde ich alle dermaßen unterirdisch. Da werden mir wohl fünf bessere einfallen.

Simon Frisch

Jetzt habe ich wieder Lebensmut. Ich finde es gerade total schön in deinem Sinne, das weiterzuführen, dahingehend, dass man aus dem Scheitern, dass die KI auf einmal Sachen macht und so weiter, von denen ich dachte, das wäre doch eigentlich meine Aufgabe. Also da merkt man schon, ich rob mich in Richtung einer Antwort auf Was ist mein Lebenssinn, um Lebensmut zu haben? Ob man das nicht so auch wenden kann, gerade diese Erfahrung oder noch ob ich das so weiterdenken darf, dass ich sage, viele Erfahrungen, die wir mit der künstlichen Intelligenz machen, stellen uns möglicherweise die Frage, ob die Antwort, die wir uns gegeben haben, wofür, wofür wir da sind und was wir hier so machen sollen, diese 80, 100 Jahre, die wir zumindest in der westlichen Hemisphäre, in dieser reichen Speckschicht der Welt leben, ob wir da wirklich Intelligenz im Sinne dieser Form und so weiter produzieren müssen oder ob es nicht doch andere Sachen sind. Und wir können von dort aus so viele grundsätzliche Fragen wieder stellen. Also weiß ich nicht, ob es wirklich Hasenlöcher sind. Vielleicht sind es noch mal viel komplizierter, kompliziertere Gebilde, aber wir werden gerade ganz schön irritiert. Und gleichzeitig eben in Hinsicht auf viele Antworten, von denen wir immer meinten, das ist ja sowieso klar.

Marianna Schröder

Ja, genau. Tatsächlich war für mich auch so die Begründet das eigentlich ein neues Zeitalter der Aufklärung, weil wieder der Mensch sich befreien darf aus der selbstgewählten Unwissenheit, aus dieser Finsternis? Also weil ich weiß irgendwie KI ist ein mächtiges Werkzeug. Ich bin auch dankbar für das, was es bringen wird und finde es großartig, wie es Aufgaben abnehmen kann, die sowieso irgendwie nur Kapazität binden und Menschen nicht ermöglicht, kreativ zu sein zum Beispiel. Aber wir müssen irgendwie lernen, kluge Fragen zu stellen, die dann helfen, anstatt uns das Fragenstellen auch noch abzunehmen.

Simon Frisch

Und ich glaube, die Uni könnte einen Ort bilden, der dann der Ort einen Rahmen zur Verfügung stellt, innerhalb dessen wir Banden bilden, so ähnlich wie du das noch mal willst, weil du halt diese Kraft irgend sowas hast, aber haben wir ja gar nicht alle für dein Abitur gemacht hast. Sodass wir sagen können: Hier ist ein Ort, da können wir solche Banden bilden, um uns die Fragen zu vervielfältigen, um uns aufs Wissen zu stürzen, um was auszuprobieren, um mit Leib Kopf Hefeteig Experimente zu machen, vielleicht auch mal zu Pferden zu gehen, zu Hunden und so weiter und dann auf einen Weg zu kommen, der uns interessiert. Also ich glaube, das ist dann die entscheidende Praxis.

Marianna Schröder

immer dieses Suchen nach dem Interesse.

Simon Frisch

Wo Ist es das Interesse?

Marianna Schröder

Wo ist es? Das suche ich in jeder Gruppe. Das suche ich in jedem Gespräch. Wo ist es?

Simon Frisch

Fantastisch. Liebe Marianne, haben wir noch ein Thema vergessen, was du unbedingt noch anbringen wolltest?

Marianna Schröder

Ich glaube, wir sind eigentlich ganz gut durch.

Simon Frisch

Dann danke ich dir für das wunderbare Gespräch.

Marianna Schröder

Dankeschön.

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